Peer Saldo

Der Ghostwriter schreibt im Verborgen. Sein Gesicht bleibt meist unsichtbar. Seine Tätigkeit dagegen – das Ghostwriting – hat viele Gesichter. Wer glaubt, er würde sein Haupteinkommen nur durch das Schreiben von Büchern erzielen, der glaubt sicher auch, ein Bundestagsabgeordneter lebte nur vom Kassieren seines Gehaltes als Mitglied des Parlamentes. Beides stimmt so nicht ganz. Aber eins nach dem anderen.

Typisch für Ghostwriting im engeren Sinne ist das Bücherschreiben im Auftrag für Dritte für Honorar. Im weiteren Sinne muss er aber auch für andere Textarbeiten offen sein; im Prinzip muss er alles schreiben, was ihm vor die Feder kommt. Sonst kommt er nämlich nicht über die Runden. Ökonomische Zwänge – Sie verstehen, ja? Für ihn ist alles Haupteinkunft und Bücherschreiben Highlight.

Aber zurück zum Volksvertreter. Eigentlich untypisch für Bundestagsabgeordnete im engeren Sinne ist das Reden halten im Auftrag vor Publikum für Honorar. Denn dafür hat der Mandatsträger, der seinen Job ernst nimmt, eigentlich keine Zeit. Eigentlich sollte er damit beschäftigt sein, die Interessen seiner Wähler angemessen zu vertreten. Er müsste Bürgeranfragen beantworten. Bei Abstimmungen im Bundestag anwesend sein. Gesetze verabschieden, die Regierung kontrollieren, Verträge ratifizieren, als Experte an Fachthemen in den Ausschüssen seiner Fraktion teilnehmen. Und vor dem Bundestag reden müsste er auch noch. Arbeit, Arbeit, Arbeit. Und Freizeit haben Politiker im engeren Sinne auch keine. Sogar am Wochenende finden zum Beispiel Tagungen und Wahlkreistreffen statt. Hut ab, sage ich da, und meine es ernst mit meiner Ehrerbietung.

Hut auf sagte sich der Kanzlerkanditat der SPD. Stolze 1,25 Millionen Euro Rede-Honorar habe er seit 2009 eingesammelt. In bisher 89 Vorträgen. Hat er selbst offengelegt. Klare Kante. Brutto. Peer Saldo. Bisher. Rechnen kann er, war ja mal Finanzminister. Und clever ist er auch. Die Zeit nach diesem Job – so ungefähr bis neulich, bis ihn die SPD zum Kanzlerkandidaten machte – hat er auf diese Weise so effektiv genutzt wie möglich. War ja auch nur Abgeordneter – könnte man sagen. Könnte man, muss man aber nicht. Und was weiter? Aus seinen Redereisen in eigener Sache macht er nun Wahlkampf in eigener Sache. Ich habe nichts zu verbergen, sagt er. Offenlegung aller Nebeneinkünfte nennt er das. Totale Transparenz. Die Piraten sind schon blass vor Neid. Eigentlich will er nur sagen, dass er ein total offener Kerl ist, dem man blind vertrauen kann. Haben wir aber längst durchschaut. Durchblick nennen wir das. Den totalen Durchblick. Aber lernen wir auch daraus? Und wenn ja, was? Eines könnte ganz sicher folgendes sein: Im weiteren Sinne muss der Bundestagsabgeordnete neben seinem politischen Amt auch für andere Arbeiten offen sein; im Prinzip muss er alles machen, was ihm vor die Nase kommt. Sonst kommt er nämlich nicht über die Runden. Ökonomische Zwänge – Sie verstehen, ja?

Übrigens, nicht das ich am Ende falsch verstanden werde: Bezahlte Nebentätigkeiten sind dem Abgeordneten selbstredend erlaubt. Das führt in der Öffentlichkeit zwar häufig zur Grundsatzdebatte, inwieweit eine Nebentätigkeit zu Interessenkonflikten führen und seine freie Entscheidungsfindung beeinflussen könnte. Aber solange es nicht verboten ist.