Ah – ein Stadtmensch!

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Nie hätte ich gedacht, dass ich den eigentlich harmlosen Gruß „Schönes Wochenende!“ einmal als Drohung empfinden könnte. Als Städter hatte ich mir das Ende der Woche ja geradezu herbeigewünscht, denn vornehmlich an den Wochenenden fuhren meine Frau und ich hinaus ins Grüne; raus aus der Stadt, rein in die freie Natur.

Schönes Wochenende – das bedeutete Nichtstun, Ruhe und Erholung; Spaziergänge, Biergärten und Parks. Die klassische Mittelschicht-Naherholung, wie man sie kennt. So machten wir es fast an jedem Wochenende – wir genossen diese Zeit. Aber die Wochenenden machten auch etwas mit uns. Zurück in der Stadt wünschten wir uns gleich wieder zurück aufs Land. Und da das Wünschen mit dem Träumen einhergeht, träumten wir wie viele andere auch den fernen Upperclasstraum. Der Traum sah so aus: In Mitten gezähmter Natur steht unser Wochendomizil. Es ist ein Zweitwohnsitz. Ein Sommerhaus am See. Ein Landleben wie aus dem Bilderbuch. Das Wochenende – ein einziger Urlaubstraum. Ich kann nur jedem raten weiterzuträumen … es sei denn, er kann sich den Traum vom Doppelleben im Stadthaus und Landhaus einfach mal so erfüllen. Wir gehörten jedenfalls nicht dazu. Ein Leben zwischen Stadt und Land war für uns in dieser Art nur geträumt möglich. Schlimmer noch: Statt es irgendwann zu einem Wochenendhaus zu bringen, hatten wir uns in eine Zwickmühle gebracht: Auf der einen Seite wurde unsere Lust auf ländliches Leben (vor allem meine) durch unsere stetigen Wochenendlandausflüge immer noch größer. Auf der anderen Seite war an ein Weekenddomizil mangels finanzieller Mittel nicht zu denken; und auch die zeitlichen Möglichkeiten unserer Landlust mehr Raum zu verschaffen wurden nicht größer.

Unser Landwochenendraum beschränkte sich weiterhin auf zwei Tage: Samstag und Sonntag. Daran würde sich so schnell wohl auch nichts ändern. Eine Änderung des Wochenkalenders war sobald nicht zu erwarten. Die Siebentagewoche ist in Deutschland immerhin eine Angelegenheit des Deutschen Instituts für Normung e.V. Die Norm DIN 1355 legt fest, dass die Woche an einem Montag beginnt und an einem Freitag endet. Basta! Man sieht: Im Deutschen Institut für Normung sitzen wahrlich keine Träumer. Und wir? Gar nicht mehr träumen, das wollten wir auch nicht. Irgendwo musste doch die Zwickmühle einen Ausgang haben. Und über dem Ausgang würde der Satz stehen: Träume nicht dein Landleben, lebe deinen Landtraum. Geträumt, getan. Wir entschieden der Stadt ganz den Rücken zu kehren und ganz aufs Land zu ziehen. Alles wollten wir hinter uns lassen. Nicht nur für ein kurzes Wochenende. Und so gingen wir an die Arbeit, die vor uns lag: Sohn zeugen, Haus bauen, Landbewohner werden. Ich muss zugeben, dass meiner Frau die Sache eher suspekt war. Kind – ja. Haus – ja. Land – na ja. Meine Frau hatte eine klassische Zweidrittel-Überzeugung. Dagegen stand ich mit meiner Dreidrittel-Überzeugung. Nach meinen demokratischen Maßstäben, erklärte ich mich zur Mehrheit.

Weniger oder mehr – egal. Wir brachen auf. Und wenn man aufbricht, Neuland zu entdecken, muss man sich von vielem verabschieden. Von lieben Freunden etwa oder von vertrauten Plätzen. Verabschieden muss man sich aber auch von liebgewonnenen Vorstellungen, die man vom Neuland hatte. Davon betroffen waren zum Beispiel auch meine Vorstellungen vom so genannten schönen Wochenende. Denn seitdem wir auf dem Land lebten, bestand unser schönes Wochenende weniger aus schönem Nichtstun. Landbewohner auf Zeit haben es da besser. Sie können sich ganz dem dolce far niente hingeben. Sie legen sich in ihren brandneuen Designerliegestuhl und schmökern im neuesten Gartenmagazin. Doch jedes Mal, wenn unser Nachbar mir eine schönes Wochenende wünschte, wusste ich: es war wieder soweit. Es war Samstag. Der Motormäher wollte betankt werden. Der Ölsstand geprüft. Der Rasen wollte gemäht werden. Stacheliges Unkraut und sonstige unerwünschte Sprösslinge wollte herausgezupft werden. Die Rasenkanten wollten geschnitten werden. Der Boden wollte mit Nährstoffen versorgt werden. An besonders heißen Wochenenden wollte das Grün zudem gewässert werden. Vorwitziges Kraut, das zwischen den Gehplatten herauslukte, wollte entfernt werden. Hecken wollten gestutzt werden. Büsche und Sträucher geschnitten. An Herbstwochenenden wollte Laub vom Rasen entfernt werden. Sammel- und Schnittgut wollte an einen dafür bestimmt Platz getragen werden. Mir war bewusst: Das alles sollte regelmäßig geschehen; mindestens einmal pro Woche, sonst würde einem nicht nur das Gras über den Kopf wachsen.

Bei dermaßen intensiver Frischluftzufuhr unter freiem Himmel kam mir ein interessanter Gedanke: Gartenarbeit wirkt sich positiv auf die Gesundheit des Menschen aus, sie stärkt Ausdauer und Kraft, senkt den Blutdruck und baut Stress ab. War überall nachzulesen. Aber nicht nur das. Wahre Wunder würde regelmäßige Gartenarbeit bei Parkinson- und Alzheimer-Patienten bewirken. Laut einschlägiger Literatur kämen auch Suchtentwöhnte und Essgestörte wieder ins Gleichgewicht. Rasenmähen als Naturaznei. Ich überlegte, ob es nicht schlau wäre, einen Aushang beim Dorfarzt oder in der hiesigen Alpenklinik zu platzieren. Wohlmöglich würde sich ein Patient finden, der mir an den Wochenenden quasi auf Rezept zur Hand gehen würde. Ein Stadtmensch vielleicht, der zur Rekonvaleszenz einige Wochen in Oberammergau weilte. Später – gesundet und wieder zuhause – würde er von vielen schönen Wochenenden erzählen und das er bald einmal wieder zurückkehren wolle. Vielleicht sogar für immer.

Ich habe die letzten drei Jahre auf dem Land gelebt. Herausgekommen ist ein Buch, ein unsachliches Sachbuch, ein subjektives Buch über das Erleben auf dem Land (in Oberammergau). Es ist das Zeugnis eines Selbstversuchs. Es erzählt von Städtern, die sich auf dem Land versuchen… ein Experiment. Die Versuchsergebnisse werden hier in Auszügen nachzulesen sein – Glossen eigentlich – ironisch, kritisch, pointiert und manchmal auch bissig. Land kann ganz schön fruchtbar sein, wenn man es literarisch beackert. Warum ich das Buch auch geschrieben habe? Alles, was mit Land zu tun hat, erfreut sich in den letzten Jahren unglaublicher Beliebtheit. Es ist eine Epidemie: die Landliebe. Und wie wir wissen, macht Liebe blind. Es wurde daher Zeit, dass mal jemand einen Gegenentwurf bringt und nicht auch in den großen Chor, der über die ewige Lust vom Leben auf dem Lande singt, einstimmt.

Verlag gesucht: »Ah – ein Stadtmensch!« ist ein Kapitel aus dem Manuskript, das vierundreißig Nachrichten vom Erleben auf dem Land umfasst und aus dem ein Buch werden soll. Der Titel: »Es ist ein hartes Leben in der Provinz… – Aber einer musste es tun«