Pilze suchen und den Tod finden?

Die Pilzsaison hat wieder begonnen. Erfahrene Pilzesammler empfehlen unerfahrenen Pilzesammler, sich vor dem Pilzesammeln…

…mit den heimischen Pilzen vertraut zu machen. Die wichtigste Grundregel beim Sammeln der Pilze aber lautet: „Was man nicht kennt, sollte man stehen lassen.“

Ich frage mich, ob man diesen Satz so stehen lassen kann? Was ist mit den Pilzen, die man kennt? Ich zum Beispiel kenne den Fliegenpilz. Soll ich ihn deshalb mitnehmen? Eigentlich bin ich mir nur beim Fliegenpilz absolut sicher. Aber soll ich ihm deshalb vertrauen? Nur, weil ich ihn kenne? (Gregor Gysi kenne ich auch. Der hat auch ein rotes Mäntelchen. Aber wähle ich ihn deshalb aus? Nein, ich lasse in links liegen.)

Würde ich mich strikt an die oberste Grundregel für Pilzesammler halten und nur das sammeln, was mir bekannt ist, könnte mein Ausflug in die herbstliche Natur übel ausgehen; jedenfalls, was den Fliegenpilz betrifft. Überall stehen sie rum, ich erkenne sie am leuchtendroten Hut: Fliegenpilze. Allgemein bekannt ist, dass man sich vor dem roten Hut hüten soll. Früher galt er sogar mal als tödlich giftig.

Irgendwann zwischen früher und heute, wann genau weiß ich nicht, haben Fachleute ihre Meinung über die Wirkung abgeschwächt. Die Vergiftungserscheinungen durch den Fliegenpilz seien doch eher harmloserer Natur. Danach treten Symptome auf, die insgesamt einem Alkoholrausch ähnlich sind: Verwirrung, Sprachstörungen, Störungen der Bewegungskoordination, starke motorische Unruhe, Weitstellung der Pupille, Mattigkeit. Je nach Stimmungslage stehen Angstgefühl und Depressionen, Gleichgültigkeit oder Euphorie bis hin zu seligem Glücksrausch im Vordergrund.

Typisch sind weiterhin Störungen des Persönlichkeits-, Orts- und Zeitgefühls. Berichtet wird auch von einem Gefühl des Schwebens, von überdurchschnittlichen Leibeskräften, von Farbillusionen und seltener von echten Halluzinationen. Auch Tremor, Krämpfe und klonische Muskelzuckungen werden häufig beobachtet. Ein tiefer Schlaf beendet dann meist nach 10 bis 15 Stunden das Pantherina-Syndrom. Die Pilz-Patienten sind danach meist einigermaßen erholt und ohne Erinnerung an die durchgemachte Vergiftung. Nur in seltenen Fällen bleiben für einige Zeit Spätfolgen bestehen: Interesselosigkeit, leichte Ermüdbarkeit, Gedächtnisschwäche.

Vor diesem Hintergrund gewinnt für mich die Redewendung »Ein Pils, bitte« überraschend an Bedeutung. Pilz ist quasi wie Pils? Wohl, wenn wir beim Fliegenpils bleiben und nicht zum Kegelhütigen Knollenblätterpilz greifen, der dummerweise dem leckeren Champion teuflisch ähnlich sieht. Ich kann nur warnen. Lassen Sie die Finger vom Kegelhütigen Knollenblätterpilz! Halten Sie sich fern! Suchen Sie lieber die Nähe zum Fliegenpilz. Theoretisch kann man den Fliegenpilz übrigens auch verwechseln. Mit dem Kaiserling nämlich. Man glaubt einen Kaiserling erspät zu haben, der ein sehr guter Speisepilz ist, und schwupps hat man den sehr ähnlichen Fliegenpilz erwischt. Die Wahrscheinlichkeit ist dennoch gering, Opfer einer Kaiserling-Fliegenpilz-Verwechslung zu werden. Der Kaiserling ist extrem selten in Deutschland. Aber, gut.

Pilze kann man übrigens ganz bequem und gefahrlos im Supermarkt kaufen. Einige Zeitgenossen suchen allerdings den Thrill und gehen lieber in den nächsten Wald, Pilze suchen. Einige tun das Saison für Saison Jahr. Andere nur ein einziges Mal in ihrem Leben und dann nie wieder. Besser, sie wären in den Supermarkt gegangen. Da gehe ich doch lieber weiter Pilse sammeln. Da kann ich sicher gehen, dass ich sie nicht stehen lassen sollte.

Autor: Holger Schaeben, Ghostwriter, Journalist