Ausgerechnet Wasser

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Ausgerechnet Süßwasser. Zwischengelagert vom aufsteigenden Grundwasser erwischt: Meine mare-Hefte. Die komplette Sammlung. Manchmal reichen zwanzig Zentimeter, um abzusaufen. Untergangsstimmung bei mir und der Versuch aus dem Lagerraum zu retten, was zu retten ist.

Dann die nüchterne Erkenntnis: Nur siebzehn Hefte hat das Wasser verschont. Wasser in meinen Augen. Dabei die Bestandsaufnahme: No. 38, 39, 47, 48, 49, 50, 51, 52, 53, 62, 63, 64, 65, 66, 67, 68 und 69 kann ich bergen. Frühere Ausgaben, die näher am Fußboden lagerten, für immer verloren. Der Versuch, einzelne Hefte herauszuziehen, scheitert. Titel und Rücktitel pappen aneinander. Ich erspare mir den Anblick, die Ausgaben zu suchen, die offiziell schon längst vergriffen sind. Gibt es eigentlich schon eine mare-Ausgabe mit dem Thema „Untergang”?

Wenig tröstend: Die No. 74 bis 78 befinden sich im Trocknen – im Haus. Auch die No. 80 taucht noch auf, weil sie die Letzte ist, noch ungelesen. Ich entdecke sie wohlbehalten auf dem Küchentisch. Irgendwo im Haus muss auch noch die No. 79 sein. Doch die hätte ich ohnehin wiederbeschaffen können. Aber die ersten Ausgaben – 1997 und später…

Ich mache mir Vorwürfe. Warum hast du nicht früher deine Bücher und Magazine aus dem Lagerraum ins Haus geschafft? Später, ich sitze grübelnd im Garten, kann ich nachempfinden, wie es den Menschen geht, die ihr gesamtes Hab und Gut in einer Hochwasserflut verloren haben. Nicht vergleichbar, ich weiß. Dennoch sind ein paar mare-Hefte und ein paar mehr Bücher und Bildbände für mich ein Verlust. Ein Stück von mir ist dem Wasser zum Opfer gefallen. Oder meiner Dummheit. Wie man es nimmt.

Ich werde sogar noch vom Spott getroffen. Die eigenen Bücher verhöhnen mich. Jon van Düffels Roman „Vom Wasser” greife ich zufällig heraus, als ich erneut im Lagerraum versuche, Ordnung zu schaffen und eine weitere Kiste öffne, um zu sehen, was ich sowieso weiß: Alles trieft vor Nässe. Ich stehe da und betrachte das ganze Ausmaß des Schadens. Auch meine Nase nimmt wahr, was passiert ist. Nasses Papier hat einen bestimmten Geruch. Der Geruch ist kalt, hart, leblos, herzlos, gnadenlos.

Ich komme mir vor wie ein Katastrophenhelfer bei seinem Einsatz. Nur, dass ich die Katastrophe selbst verursacht habe; und wenn ich sie nicht verursacht habe, hätte ich sie doch verhindern können. Ich hätte nicht das Eindringen des Wassers verhindern können, aber ich hätte dafür sorgen müssen, dass es nichts beschädigen, nichts zerstören kann. Zu spät. Ich kann den Schaden nur noch begrenzen. Nicht aber das Zerstörte wieder herstellen. Das Verlorene nicht wieder zurückholen.

Ich versuche weiter, Ordnung zu schaffen. Ordnung – was für ein banales Wort angesichts des Verlustes. Als würde Ordnung helfen, die Wunde kleiner zu machen.