Der Herr der Fliegen

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Fliegen fliegen Fliegen hinterher. Sie folgen aber auch dem Menschen. Sie folgen dem Menschen über den gesamten Erdball. Wobei man das nicht wörtlich nehmen muss. Ich denke, dass sie schon vor unserer Ankunft in Oberammergau gewesen sein müssen. Ihre Flugrichtung richten sie nämlich nach ihren Vorlieben aus.

Sie lieben vor allem Dung und Mist. Besonders in ländlichen Gegenden ist die Fliege darum ein lästiger Zeitgenosse. In Kuh- und Hühnerställen finden sie das ideale Lebensmilieu. Bei der Menge an Fliegen, die man auf dem Land antrifft, kommt man sich als Mensch fast wie ein Eindringling vor. Bekanntschaft machten wir mit Schwebfliegen, Schwingfliegen, Dasselfliegen, Dungfliegen und Pferdefliegen. Die bekannteste unter ihnen war wohl die Stubenfliege. Die Stubenfliege heißt Stubenfliege, weil sie gerne in der Stube – also nah beim Menschen lebt. Man weiß, dass sie sich schon in der „Stube“ der Neandertaler zuhause fühlte und ihnen das Höhlendasein schwer machte. Seitdem verfolgt sie den modernen Menschen, treuer als ein Hund. Dabei können wir mit ihr so gar nicht anfangen. Sie ist nicht putzig, hat keine Kulleraugen und holt auch nicht das Stöckchen. Fliegen sind einfach nur lästig; viele sind sehr lästig. Auch wir fühlten uns verfolgt. Die Stubenfliege ist eben ein Kulturfolger. Alfred Brehm formulierte es 1884 in seinem Werk Brehm´s Tierleben so: „Kein Thier – das kann wohl ohne Übertreibung behauptet werden – ist dem Menschen ohne sein Zuthun und ohne ihn selbst zu bewohnen, ein so treuer, in der Regel recht lästiger, unter Umständen unausstehlicher Begleiter, als die Stubenfliege.“

Zwischen Mai und Oktober machte die gemeine Stubenfliege aus unserem Haus eine Fliegenstube – sie und ihre gemeinen, zahlreichen Verwandten. Sie waren aufdringlich, weil sie sich uns immer wieder als Landeplatz aussuchten (vorzugsweise unsere Gesichter); nervtötend, weil sie ständig von unserem Teller mitessen wollten (vorzugsweise alles); aggressiv, weil sie uns Tag und Nacht umschwirrten (vorzugsweise, wenn wir unsere Ruhe suchten). Sie taten, wie sie es als Stubenfliegen in der Stubenfliegenkinderstube gelernt hatten. Tagsüber besetzen sie das ganze Haus. Sie hatten eine Antenne für alles, was essbar war. Nicht nur in der Küche fanden sie ihre Nahrung. Sie saßen einfach überall. An ihren Vorderbeinen haben sie Härchen, mit denen sie schmecken können. Bei den Stubenfliegen geht der Geschmack also sozusagen durch die Beine, weshalb sie sich auf alles setzen. Abends zog es sie zum Licht; bevorzugt sammelten sie sich in der Leseecke, wo sie ekelhafte Fliegenmuster an Wand und Decke bildeten. Zwischendurch flogen sie ihre Attacken auf uns.

Dass Stubenfliegen nicht sehr alt werden, ist nur ein schwacher Trost. Sie leben nicht länger als 15 bis 25 Tage, dann sterben sie –  außer, man tritt ihnen vorher mit roher Gewalt entgegen – Mit roher Gewalt, einer Fliegenklatsche, aber ohne Gewissenbisse. So wird man sie wieder los. Aber nicht schnell. Ich war monatelang beschäftigt, jedoch fest entschlossen, der Fliegen Herr zu werden und den Kampf bis zum Ende aufzunehmen – bis zum Ende der letzten Fliege. Pro Fliegensaison waren dazu zwischen fünf und zehn Fliegenklatschen im Einsatz. Keine Einzige überlebte – keine einzige Fliegenklatsche wohlgemerkt. Für einen derart intensiven Gebrauch war eine einzelne Klatsche nicht gebaut. Sie brachen alle irgendwann im Laufe ihres Einsatzes an derselben Stelle. Sie brachen sich den Hals.

Wenn man zart besaitet ist und die Fliegenklatsche aus „humanitären“ Gründen ablehnt, kann man auch anders vorgehen. Ad eins: Fliegen mögen keinen Durchzug. Also immer schön Fenster und Türen offen lassen; mit Glück flüchten mehr Exemplare in Freie, als neue in die Stube fliegen. Ad zwei: Fliegen mögen keine Kälte. Es reicht die Raumtemperatur auf unter zehn Grad zu senken, sprich unter die Betriebstemperatur der Fliegen. Im Sommer – also in der Zeit der Fliegen – braucht man demnach unbedingt eine Klimaanlage, die vierundzwanzig Stunden auf Höchstleistung läuft. Ad drei: Fliegen mögen keine Schwalben; aber Schwalben mögen Fliegen. Baut man sein Wohnzimmer zum Kuhstall um, hat man gute Chancen auf Stallschwalben – aber auch auf jede Menge Stubenfliegen.

Zur Verteidigung der Stubenfliege kann ich leider nichts anführen. Außer, dass sie nicht sticht. Die Stubenfliege gehört zur Familie der Echten Fliegen. Zur gleichen Familiebande zählen auch die Blutsauger unter den Fliegen, die gemeinen Stechfliegen. Aber das ist eine andere Geschichte, die mir noch im Kopf herumschwirrt.

Ich habe die letzten drei Jahre auf dem Land gelebt. Herausgekommen ist ein Buch, ein unsachliches Sachbuch, ein subjektives Buch über das Erleben auf dem Land (in Oberammergau). Es ist das Zeugnis eines Selbstversuchs. Es erzählt von Städtern, die sich auf dem Land versuchen… ein Experiment. Die Versuchsergebnisse werden hier in Auszügen nachzulesen sein – Glossen eigentlich – ironisch, kritisch, pointiert und manchmal auch bissig. Land kann ganz schön fruchtbar sein, wenn man es literarisch beackert. Warum ich das Buch auch geschrieben habe? Alles, was mit Land zu tun hat, erfreut sich in den letzten Jahren unglaublicher Beliebtheit. Es ist eine Epidemie: die Landliebe. Und wie wir wissen, macht Liebe blind. Es wurde daher Zeit, dass mal jemand einen Gegenentwurf bringt und nicht auch in den großen Chor, der über die ewige Lust vom Leben auf dem Lande singt, einstimmt.

Verlag gesucht: »Der Herr der Fliegen« ist ein Kapitel aus dem Manuskript, das vierundreißig Nachrichten vom Erleben auf dem Land umfasst und aus dem ein Buch werden soll. Der Titel: »Es ist ein hartes Leben in der Provinz… – Aber einer musste es tun«