Es spukt an den Hochschulen

Irgendwie scheint das Thema akademisches Ghostwriting ein…

…Zeitgeistphänomen zu sein. Regelmäßig ist darüber zu lesen: „Eine Dissertation in Kernphysik kostet zwischen 50.000 und 100.000 Franken.“ So las ich kürzlich in einem Online-Artikel der »Neuen Züricher Zeitung« (Wer googelt, der findet). Diese Summe verlangt eine auf akademisches Ghostwriting spezialisierte Firma, die ihren Ursprung in Deutschland und ihren Sitz in der Schweiz hat.

„Dass sich manche Studenten zumeist dank elterlicher Hilfe eine Doktorarbeit für mehrere zehntausend Franken erkaufen könnten, steht außer Frage“, lese ich weiter.

Nun zählt eine Doktorarbeit in Kernphysik sicherlich zum Anspruchsvollsten, was die Wissenschaft einem Schreiber abverlangen kann. Das darf sicher etwas kosten. Obwohl 100.000 Franken? Ob sich das für den Investor jemals auszahlen wird? Ich will hier gar nicht fragen, ob ein Doktortitel so viel Wert ist. Es stellen sich andere Fragen:

1.) Ist derjenige, der eine wissenschaftliche Arbeit von einem Auftragsschreiber verfassen lässt ein Dieb geistigen Eigentums (Plagiator)?

Antwort: Nicht per se. Wenn der Auftraggeber (Dissertant bzw. Doktorand) die gesamte Arbeit als fremdes geistiges Eigentum kennzeichnet, nicht. Aber wer macht das? Denn dann ist doch gleich klar, dass der Auftraggeber hier eine wissenschaftliche Arbeit abliefert, die nicht auf seinem Mist gewachsen ist.

2.) Darf derjenige die von einem Auftragsschreiber verfasste wissenschaftliche Arbeit als seine eigene geistige Leistung ausgeben?

Antwort: Natürlich nicht. Denn dann verletzt er das Urheberrecht und sicher auch das Prüfungsrecht der Hochschule.

3.) Muss eine Dissertation nicht grundsätzlich selbstständig vom Dissertant bzw. Doktorand verfasst sein?

Antwort: ja. Akademisches Ghostwriting ist (fast) immer Betrug, zwar nicht im strafrechtlichen Sinne, aber im prüfungsrechtlichen Sinne der Hochschule.

4.) Wer ist denn nun rechtlich haftbar zu machen, wenn eine wissenschaftliche Arbeit die Leistung eines Ghostwriters ist?

Antwort: der Ghost jedenfalls nicht. Akademisches Ghostwriting wird strafrechtlich nicht verfolgt. Die Anbieter (oft Ghostwriting-Agenturen, aber auch solitäre Geisterschreiber) geben vor, nur »Beispiele« abzuliefern oder sie geben dem Auftraggeber den Hinweis, dass er seine wissenschaftliche Arbeit so kennzeichnen muss, dass für den Prüfer erkennbar wird, dass nicht er selbst die Arbeit verfasst hat. – Was der Auftraggeber natürlich nicht macht, sonst wäre ja seine Leistung (als Doktorarbeit) automatisch wertlos für ihn.

Was bleibt am Ende im akademischen Raum stehen, wenn die wissenschaftliche Leistung, dem Kopf eines Auftragsgeistes und nicht dem Dissertant bzw. Doktorand entsprungen ist? Alle Fächer, alles Betrug? Vor diesem Hintergrund bekommt der Begriff »Geisteswissenschaften« doch eine ganz neue Bedeutung – und das nicht nur im Bereich der Geisteswissenschaften.

Autor: Holger Schaeben, Ghostwriter, Journalist, Schreibkraft (für alle; ausgenommen für Personen, die sich mit fremden Federn ihren Doktor o.ä. ergaunern wollen)