Es war einmal ein Apple iBook

Es war einmal ein iBook, das war gerade mal zehn Jahre alt. Zehn Jahre sind doch kein Alter, sagte sich der Vater und beschloss: Das Apple iBook soll einmal meinem Sohn gehören. Die Jahre vergingen und eines Tages war die Zeit gekommen. Der Sohn war gerade vier Jahre alt, aber schon seit einem halben Jahr vertraut mit des Vaters Apple MacBook Pro. Als der Sohn vom Entschluss des Vaters hörte, freute er…

…sich sehr und der Vater freute sich über die Freude des Sohnes. Denn das iBook war, obwohl in die Jahre gekommen, immer noch wunderschön anzusehen: Ganz unschuldig weiß das Kleid seines glänzenden Polycarbonat-Gehäuses. Und des iBooks Apfel, angebissen, leuchtete immer noch verführerisch auf der Oberseite, sobald es in Betrieb war; ganz besonders im Dämmerlicht, am schönsten bei vollkommener Dunkelheit. In seinem Inneren sorgte ein PPC750CXe alias G3 mit 500 MHz Takt und 256 KByte On-Chip-Level-2-Cache jahrelang für eine ordentliche Rechenleistung. Als erstes Gerät seiner Klasse verfügte es über ein 12,1 Zoll großes TFT-Display mit einer Auflösung von 1024 x 768 Pixeln bei 32 Bit Farbtiefe – beschickt von einem ATI Rage 128 Mobility mit 8 MByte Grafikspeicher. Einst galt es als das Apple Portable für Einsteiger.

Der Sohn war Einsteiger. Da konnte sich der Vater sicher sein. Ja, er war Anfänger, hatte aber schnell gelernt, dass MacBook Pro des Vaters nach seinen Belangen zu bedienen und so würde es für ihn gewiss ein Leichtes sein, mit dem väterlichen Geschenk umzugehen. Viele Jahre hatte das iBook dem Vater treu gedient. Der Sohn würde damit seine Filmchen betrachten und seine Spielchen spielen können, Filmchen und Spielchen die er in der bunten Lego- und Duplo-Welt entdeckt hatte, und manchmal auch ein Filmchen auf YouTube ansehen. Der Sohn würde das iBook lieben.

Dem aufmerksamen Leser dürfte nicht entgangen sein, dass er sich durch einen Text, der im Stile eines Märchens angelegt wurde, liest. Und darum kommen wir jetzt genauer auf den Apfel zu sprechen. Wie wir wissen, kommt dem Apfel im Märchen oft eine ambivalente Bedeutung zu. Die einen sehen in ihm ein Symbol für Wissen und Versuchung, während er für die anderen als das Sinnbild der Zwietracht und des Bösen gilt. Denken wir nur an Schneewittchen, die sich von der bösen Königin mit einem vergifteten Apfel täuschen ließ oder an Adam und Eva, die nach Apfelgenuss aus dem Paradies vertrieben wurden. Der Apfel hing bekanntlich am Baum der Erkenntnis bevor Eva ihn pflückte. (Strenggenommen zählt die Paradieserzählung zwar nicht zu den Sagen und Märchen, aber tun wir einfach so.)

So wie Adam den Apfel von Eva angenommen und probiert hat, nahm der Sohn das Apple iBook vom Vater an. Beide haben sich dann sogleich hingesetzt und ausprobiert, wie der Sohn zurechtkommt. Kurz gesagt: er kam gar nicht. Die Enttäuschung darüber, dass das schöne iBook der Vater-Generation den hochauflösenden Filmchen der Sohn-Generation nicht gewachsen war, war bei beiden groß. Des Vaters Erkenntnis, dass es mit zehn Jahren zwar noch recht schön anzusehen, aber sein Inneres vollkommen nutzlos war, nicht mehr genießbar – wie ein fauler Apfel – machte ihn traurig. Und so beschloss der Vater auch weiterhin sein MacBook Pro an den Sohn auszuleihen. Es funktionierte prächtig. Darüber hatte der Sohn das alte iBook des Vaters dann auch schnell vergessen. Und alle lebten glücklich…