Goethe, die Krise und ich

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Wie bin ich noch mal drauf gekommen? Ach ja – es war der Tag, an dem Goethe Geburtstag hatte. Google sei Dank war mir das nicht entgangen. Goethe und ich. Kein Vergleich. Keine Verbindung. Keinerlei Zusammenhang, eigentlich. Obwohl: Ich reise auch gerne nach Italien, und habe sicher schon auf einer Stufe mit dem Meister gestanden; in Malcesine nämlich, wo er auf seiner Italienreise Station gemacht hatte und ich auch schon gewesen bin.

Ich käme aber nie darauf, mich deshalb mit dem Gottvater der deutschen Dichtung auch nur metaphorisch auf eine Stufe zu stellen oder mich überhaupt mit ihm zu vergleichen – Was auch unklug wäre, sähe ich doch ziemlich alt aus neben ihm. Und das, obwohl der Dichterkönig auf den oben erwähnten Tag 262 Jahre alt wurde.

Wie dem auch war. J.W. v. G. hatte Geburtstag. Ein Anlass, doch mal nachzusehen, was irgendein unbekannter Verfasser Bekanntes auf Wikipedia über ihn geschrieben hatte: 1786 geriet Goethe in eine Krise. In seiner amtlichen Tätigkeit hatte er nicht die erhoffte Erfüllung gefunden, die Beziehung zu Charlotte von Stein gestaltete sich zunehmend unbefriedigend, er litt unter den Zwängen des Hoflebens. Vor allem aber war es eine Identitätskrise: Er wusste nicht mehr, was seine eigentliche Bestimmung war und lebte nicht in Übereinstimmung mit sich selbst. Ha! Genau wie bei mir. Zwei Ursachen, der drei Ursachen der Goetheschen Krise konnte ich auch bei mir feststellen. Ursache Nummer eins: In meiner Arbeit fand ich keine Erfüllung mehr. Erschwerend kam hinzu, dass sich auch die Haushaltskasse nur noch unzureichend mit dem füllen lies, was ich tat. Ursache Nummer zwei – Die Identitätskrise: Auch ich suchte schon lange nach meiner Bestimmung. Bestimmt musste sie irgendwo zu finden sein. Ich musste, ich wollte sie finden, um wieder in Übereinstimmung mit mir selbst leben zu können. Wo aber mit dem Suchen beginnen? Italien? Schön wär´s gewesen. Zugegeben: Versucht habe ich es. Bis Bozen bin ich gekommen. Dann gab die Reisekasse nichts mehr her. Die Eurokrise auch bei mir.

Anders bei Goethe: Im September 1786 brach er ohne Abschied auf; nur sein Diener Philipp Seidel war informiert. Die geheime Abreise mit unbekanntem Ziel(heute bekanntermaßen Rom) war wohl Teil einer Strategie, die es Goethe ermöglichen sollte, seine Ämter niederzulegen, das zugehörige Gehalt jedoch weiter zu beziehen. War er ganz sicher ein großer Künstler, das war wohl keine Kunst. Er lies sich – konnte man sagen – seine Italienreise finanzieren, vom Herzog von Sachsen-Weimar-Eisenach. Und er reiste. Er reiste von Karlsbad über Eger, Regensburg, München, Mittenwald, Scharnitz, Seefeld, Zirl, Innsbruck und den Brenner, Bozen, Trient zum Gardasee mit Torbole und Malcesine, weiter nach Verona, Vicenza, Padua, Venedig, Ferrara, Cento, Bologna, Loiano, Giredo, Florenz, Perugia, Terni, Città Castellana nach Rom. Dann über Velletri, Fondi, Neapel mit dem Schiff nach Sizilien, Palermo, Alcamo, Castelvetrano, Sciacca, Girgenti, Caltanissetta, Catania, Taormina, Messina und zurück nach Neapel, Rom, Siena, Florenz, Bologna, Modena, Parma, Piacenza, Mailand und retour nach Weimar. Die Grand Tour dauerte mehr als anderthalb Jahre; von September 1786 bis Mai 1788. Hätte ich wie Goethe eine annähernd gefüllte Reisekasse gehabt, wäre ich danach – wäre danach jeder Normalo – annähernd pleite gewesen. Nicht so der Herr Geheimrat. Nach seiner Rückkehr ließ Goethe sich vom Herzog von den meisten seiner amtlichen Pflichten entbinden; blieb aber sein freier Mitarbeiter und war sofort wieder finanziell versorgt. Auch dies war ein Ziel seiner Reise gewesen und er hatte es ebenso wie alle anderen erreicht. Für den Meister war nach Italien also alles wieder paletti. Die Reise wurde für Goethe zu einem einschneidenden Erlebnis; er selbst sprach von einer „Wiedergeburt“, die er in Italien erfahren habe. An ihrem Ende hatte er sich selber wiedergefunden und beschlossen, seine Tätigkeit künftig auf das zu beschränken, was ihm seinem Wesen gemäß schien.

An dem Tag, an dem Goethe Geburtstag hatte, es war der 28. August 2011, beschloss ich, meine Tätigkeit künftig auf das zu beschränken, was mir meinem Wesen gemäß schien. Eine Erkenntnis, die ich ganz ohne italienische Reise hatte gewinnen müssen und schon einige Zeit vor Goethes zweihundertzweiundsechzigstem Geburtstag. Es waren Antworten zu finden auf die Fragen „Wer bin ich?“ und Wer will ich sein?“. Werbetexter war ich nur noch nach außen gewesen. Die Berufsbezeichnung haftete an mir wie ein Etikett, das etwas ankündigt, was dem Inhalt nicht entspricht. Schon lange spielte ich nur noch die Rolle eines Werbetexters. Und weil ich die Figur nur noch darstellte, war ich nicht mehr ich selbst. Ein anderer zu sein ist auf Dauer aber verdammt anstrengend. Um wieder ich selbst sein zu können, musste ich mein Sein und mein Sein-Wollen wie einen Bierdeckel auf den anderen legen, sodass sie von oben betrachtet wie einer aussahen. Schreiber wollte ich zukünftig nur noch sein – aber nicht mehr Allesschreiber für alle sein. Wer alles (schreiben) kann, kann niemandem klar machen, was er richtig gut (schreiben) kann. Die Frage – die unbeantwortete – war bis zu diesem Tag jedoch gewesen, für welche Auftraggeber im Besonderen ich schreiben wollte, wenn es die Werbung im Allgemeinen nicht mehr sein sollte. Eine eindeutige Positionierung musste her. Praktisch hieß das: Ich musste für mich selbst formulieren, was ich als Auftragsschreiber schreiben wollte und für wen.

Der 28. August 2011 war ein Sonntag gewesen. Und wie immer sonntags, hatte ich mich des Morgens mit der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung zum Lesen im Café positioniert. Ich suchte, indem ich las, nach meiner beruflichen Bestimmung. Das klingt einfach, ist es aber nicht. Funktioniert auch nicht bei jedem. Aber bei mir. Selbstredend habe ich nach meiner Bestimmung nie nur in der Zeitung gesucht, sondern auch in mir selbst. Auch schon vor diesem Sonntag. Mein Unterbewusstsein hatte ich bewusst gefüttert – mit Gedanken, Ideen, Bildern, Gefühlen und Fakten. Und mit jedem Lesen war neues Futter dazu gekommen. Food for the brain. Mein Gehirn würde damit schon etwas anfangen können. Mit dem Wissen, dass mein Hirn immer schon mehr weiß, als ich weiß, konnte ich auf Schicksal, Karma, Fügung, Bestimmung hoffen; und damit auf die Beantwortung der alles entscheidenden Frage, wie ich mein Angebot so zuspitzen könnte, dass damit ein Eindringen in einen lukrativen Markt möglich war.

Kurze Rede, langer Sinn. Die Antwort kam ganz unspektakulär daher – ganz banal, aber doch überraschend. Schließlich hatte ich nicht damit gerechnet, dass ich die Antwort auf meine Identitätskrise in der Wochenendausgabe einer Zeitung finden würde. Rubrik »Beruf und Chance«. (Für die, die es genau wissen wollen: Teil C der FAZ Nr. 199 vom 27./28.). Doch damit der Überraschung nicht genug: Ausgerechnet die Frankfurter Sonntagszeitung musste es sein – konnte man das wirklich Zufall nennen? Schließlich steht doch Goethes Geburtshaus in Frankfurt – und nirgendwo anders.

Fortsetzung folgt… vielleicht