Leben in der Petrischale

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Kreativität braucht einen Nährboden. Wörtlich gesprochen ist ein Nährboden ja bekanntermaßen eine Substanz, in der man Pilze, Bakterien oder ähnlich Unappetitliches züchtet. Wir kennen das aus dem Chemieunterricht. Schimmelpilzbefall auf Tomatenpüree. Schimmelpilzrasen auf Grießbrei. Der Schimmelpilz kann fast auf jedem Lebensmittel wachsen.

Wenn es warm und ein bisschen feucht ist, wächst er besonders schnell. Da ist er etwas wählerisch. Völlig anspruchslos ist er dagegen, wenn es um seinen Nährboden geht. Der Schimmelpilz kann auf und von abgestorbenem Material leben oder er ernährt sich von einem Wirtsorganismus. Für sein Wachstum benötigt er Wasser, Zucker und Stärke. Weniger Bedeutung kommen den Faktoren Sauerstoff und Licht zu. Die meisten Schimmelpilze benötigen sehr wenig Sauerstoff. Einige leben auch ganz ohne. Das Licht hat in den meisten Fällen gar keinen Einfluss. Ich fasse zusammen: Schimmelpilze brauchen zum Leben irgendein Lebensmittel, das auch tot sein kann. Bezüglich seiner Umwelt bevorzugt der Schimmelpilz Feuchtigkeit und Wärme. Wasser, Zucker und Stärke sind seine Lebenselixiere.

Als Mensch, dazu als kreativer, muss ich sagen, dass mir das zwar nicht reichen würde, um mich produktiv-schöpferisch zu entfalten. Dennoch muss ich gestehen, dass ich den Schimmelpilz schon bewundere, dass er mit so wenig auskommt und sich trotzdem so gut entwickelt. Als Lebensraum genügt ihm im Notfall sogar eine Petrischale. Ein flaches, durchsichtiges, rundes Etwas mit einem inwandigen Durchmesser von maximal 90 mm. Der Schimmelpilz, das ist ganz klar, liebt das einfache Leben. Er lebt um seiner Selbst Willen. Er braucht keine Abwechslung. Im Gegenteil würde sie ihm wohl eher schaden. Er braucht nicht die Vielfalt der Reize. Etwas Feuchtigkeit. Etwas Wärme. Kaum Luft, kein Licht.

Möglich, dass seine Anspruchslosigkeit und Genügsamkeit dazu geführt hat, dass er quasi überall auf der Welt Leben kann. Schimmelpilze kommen auf allen Kontinenten vor, in der Luft, im Wasser und im Boden. Wobei ich wieder beim meinem Ausgangsthema wäre: dem Nährboden.

Obwohl wir schon im zweiten Jahr auf einem sehr schönen Fleckchen Erde lebten, gab – um im Bild zu bleiben – der Boden für mich nichts her. Der Oberammergauer Boden war für einen wie mich kein kreativer. Was ein kreativer Nährboden genau ist, darauf vermag ich keine generell gültige Antwort zu geben. Es ist auch gleichgültig, ob man das Bild des kreativen Nährbodens hernimmt oder von der kreativen Atmosphäre spricht. So oder so: Entscheidend ist die Inspiration. Inspiration ist für mich der Impuls für Kreativität. Dabei ist es wurscht, ob die Inspiration dem Boden oder der Luft entspringt. Wenn man aber doch den kreativen Nährboden und die kreative Atmosphäre als zwei unterschiedliche Faktoren sehen will, dann kann man wohl gelten lassen, dass Kreativität einen bestimmten Nährboden als Grundlage braucht und eine bestimmte Atmosphäre als Raum, in der sie sich entwickeln kann. Leider musste ich mit der Zeit davon verabschieden, dass es das ein oder das andere vor Ort – an unserem Oberammergauer Standort – gegeben hätte.

Ich habe die letzten drei Jahre auf dem Land gelebt. Herausgekommen ist ein Buch, ein unsachliches Sachbuch, ein subjektives Buch über das Erleben auf dem Land (in Oberammergau). Es ist das Zeugnis eines Selbstversuchs. Es erzählt von Städtern, die sich auf dem Land versuchen… ein Experiment. Die Versuchsergebnisse werden hier in Auszügen nachzulesen sein – Glossen eigentlich – ironisch, kritisch, pointiert und manchmal auch bissig. Land kann ganz schön fruchtbar sein, wenn man es literarisch beackert. Warum ich das Buch auch geschrieben habe? Alles, was mit Land zu tun hat, erfreut sich in den letzten Jahren unglaublicher Beliebtheit. Es ist eine Epidemie: die Landliebe. Und wie wir wissen, macht Liebe blind. Es wurde daher Zeit, dass mal jemand einen Gegenentwurf bringt und nicht auch in den großen Chor, der über die ewige Lust vom Leben auf dem Lande singt, einstimmt.

Verlag gesucht: »Leben in der Petrischale« ist ein Kapitel aus dem Manuskript, das vierundreißig Nachrichten vom Erleben auf dem Land umfasst und aus dem ein Buch werden soll. Der Titel: »Es ist ein hartes Leben in der Provinz… – Aber einer musste es tun«