Mein Weg zu Diogenes

Bildquelle © NZZ/Christoph Ruckstuhl

„Das hier ist die berühmte Bahnhofstraße”, sagt meine Taxifahrerin freundlich zu mir.

„Ja, das sehe ich”, gebe ich freundlich zurück. Ich bin der Regisseur meiner Wahrnehmung. Ich sehe, was ich sehen will und sehe die Bahnhofstraße, noch bevor sie mir gezeigt wird. Und wie zur eigenen Versicherung, dass ich wirklich angekommen bin, sehe ich auch die blauweißen Trambahnen und die Brücken, die über die Limmat führen. Ich weiß, dass es hier einen Fluss namens Limmat gibt, ohne jemals zuvor einen Fuß auf den Boden dieser Stadt gesetzt zu haben.

Ich weiß, dass der Fluss aus dem See gespeist wird, und ich weiß, dass es ein Fraumünster in der Stadt gibt, mit fünf Chorfenstern von Chagall (…weshalb Chagall-Fans aus aller Welt in die ehemalige Kirche des adeligen Damenstifts zu Zürich in die Stadt pilgern.) Ich weiß auch, dass die Stadt ein Schauspielhaus von Weltruf hat; ein hochkarätiges Theater und ein Theater am Neumarkt – und als ob der Standort Programm wäre, dort modernes, aktuelles, neues Theater gespielt wird. Ich weiß auch, dass das berühmteste Lokal der Stadt die Kronenhalle ist, und das James Joyce, der hier viele Jahre lebte, gestorben und beerdigt worden ist, die Kronenhalle regelmäßig aufgesucht hat, und von der Wirtin Hulda Zumsteg mit Suppe durchgefüttert worden ist. (…während er niemals das weltberühmte Café Sprüngli am Paradeplatz betreten hat; soweit ich weiß.)

Und wenn ich all das, und vielleicht noch mehr schon weiß, warum bin ich dann hier?

Ich bin hier, weil ich weiß, dass in der Stadt ein Verlag existiert, von dem ich nicht weiß, ob er meinem Skript Wohlwollen entgegenbringen und sich meiner annehmen wird. Ich bin also hier, weil ich mir über diese Angelegenheit Gewissheit verschaffen will.

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Ich bin in meinem Hotelzimmer, das sehr hotelmäßig ist. Ich stelle mein Gepäck ab, werfe einen Blick aus dem Fenster, das auf eine belebte Straße geht, und verlasse mein Zimmer und mein Hotel. Es ist später Freitagnachmittag, und ich tue mich schwer, mich mit der Ameisenhaftigkeit der Stadt anzufreunden. Der Menschenverkehr in den Straßen und Gassen will mir ein bestimmtes Tempo aufdrücken, einen bestimmten Takt. Um weiterzukommen, muss ich den Menschen, die mir entgegenkommen, ausweichen oder einfach drauflosgehen, mit der Möglichkeit, einen Zusammenstoß zu riskieren. In der Stadt ist erhöhte Aufmerksamkeit gefragt. Es ist wenig ratsam, sich in seine Gedanken zu vertiefen, obwohl gerade dies, beim Gehen so gut möglich ist. In dieser wie in jeder Stadt gehen die Menschen einfach drauflos. Am liebsten würden sie sich schadlos durchdringen.

Später, es regnet, weigere ich mich einen Schirm zu tragen und werde nass. Ich bin hungrig. Wasser und Menschen strömen durch die Altstadtgassen. Ich dachte, frische Luft und eine Mahlzeit würden mir gut tun, und jetzt bin ich nicht willens oder nicht fähig, den rechten Platz in einem Lokal zu finden. Ich weiß, dass man es mir heute Abend nicht recht machen kann. Ich bin im falschen Teil der Stadt. Falsch für mich. Dieses Stück Realität vor meinen Augen gefällt mir nicht. Ich bin nicht vergnügungshungrig. Ich will einen Tisch, ein Essen, Wein und meine Ruhe. Ich habe eine Zeitung dabei, die den Regen genauso wenig abkann, wie ich. Wenig später gehen wir in den nächstbesten Laden rein. Ein Krawatten-Jüngling spricht mich an und ich werde an der Bar platziert. Alle Tische sind von zwei oder mehr Personen besetzt, alle Tische, die freiwerden, werden sofort wieder von zwei oder mehr Personen belegt. Einzelgänger, wie ich, haben in dieser Gesellschaft kaum eine Chance. Dafür haben sie einen Platz in der Gesellschaft – und das ist die Bar.

Zuerst fühlst du dich an einer Bar immer etwas wie zur Schau gestellt. Aber dann bemerkst du, dass niemand sich für dich und du dich für alle interessierst.

Ich habe jetzt etwas Essbares vor mir stehen und pflege darüber hinaus die Beziehung zu mir selbst. Mir reicht dazu eine Zeitung, ein Buch oder mein Notizbuch, dem ich meine Gedanken anvertrauen kann. Ich esse, trinke und schaue abwechselnd auf den Teller vor mir und in den Spiegel hinter der Bar. Ich folge damit meiner Veranlagung, möglichst gut hinzuschauen, zu beobachten, zu erkennen, um mehr zu verstehen.

Ich esse und sehe mich satt.

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Am nächsten Morgen verlasse ich sehr früh mein Hotel. Die Stadt ist noch verschlossen. Mir erscheint sie trotzdem offen und fast etwas verletzlich zu sein. Ich habe die Pflaster der Straßen für mich. Die Stadt weiß mit dem frühen Fußgänger noch nicht viel anzufangen. Ich laufe einem bestimmten Gedanken hinterher. Trotz dieses einen Gedankens kommt es zu Ablenkungen. Es gibt in der Stadt noch viel zu entdecken, von dem ich nichts weiß. Zum Beispiel den See, auf den von hier oben immer wieder kurze Blicke möglich sind. Der Ablenkung des Blickes folgt die Ablenkung der Gedanken. Ich muss aufpassen. Ich weiß, dass wir uns gerne ablenken lassen.

Ich kann den einen Gedanken wieder vor mir sehen: Sprecherstraße, denke ich vor mich hin, und meine Augen versuchen gleichzeitig das dazu passende Straßenschild ausfindig zu machen. Ich habe bereits am Abend zuvor den Namen der Straße vergebens auf manchem Stadtplan gesucht. In einem Verzeichnis für die Straßennamen der Stadt las ich: Objekt im Plan nicht beschriftet. Wenigstens wurde mir das Vorhandensein der Straße in der Stadt durch das Nicht-Vorhanden der Straße im Plan bestätigt. So gesehen war ich schon gestern auf dem richtigen Weg.

Beiläufig komme ich an einem Haus vorbei, in dem der Maler Karl Bodmer lebte. Eine kaum übersehbare schöne Messingtafel erinnert an ihn. Ich erinnere mich an die Indianerbilder, die ich als Jugendlicher bewunderte. Ich weiß, dass es in der Stadt ein Indianermuseum gibt, das sich noch zu besuchen lohnte.

Sie wissen jetzt, wie leicht ich abzulenken bin.

Als ich heute Morgen die Vorhänge aufgezogen habe, es war irgendetwas nach sieben und schon heller Tag, ging mein erster Blick auf die belebte Straße unterhalb. Es ist eine auch zu dieser frühen Stunde belebte Straße – nur für Autos gemacht. Sie dient nichts anderem, als der Kanalisierung des Autoverkehrs. Man kann nichts anderes, als auf sie herabblicken.

Der zweite Blick des Tages geht nach vis-á-vis auf ein altmodisches Gebäude mit neumodischem Anbau. Hinter den hohen, hell erleuchteten Fenstern des neumodischen Anbaus sind junge Leute in akademischer Haltung zu sehen. Sie sitzen vor Computern und haben diesen ganz bestimmten Blick von Menschen, die auf Computer sehen. Um sie herum lange Reihen von Buchregalen. Nicht schwer zu erraten, was ich sehe: eine Bibliothek.

Über der Straße und dem neumodischen Anbau ist der Himmel zürichhaft blau und weiß. Zürichhaft, weil Blau und Weiß die Farben des Zürcher Stadtwappens sind. Ich wundere mich also nicht über den Himmel, sondern darüber, welchen Fleiß die Studierenden hier an den frühen Samstag legen.

Wenn man zu Fuß in der Stadt unterwegs ist – und ich bin weiter zu Fuß in der Stadt unterwegs – berührt man die Stadt – wie jede andere Stadt – mit den Füßen. Man berührt sie mit den Händen, wenn man eine Ladentür öffnet, in eine Tram steigt oder ein Restaurant betritt. Man berührt sie mit den Lippen, wenn man ihre Speisen isst und ihren Wein trinkt. Aber all das ist nichts, wenn man die Stadt nicht auch mit dem Herzen berührt. Eine Stadt mit dem Herzen zu berühren, heißt einen Sinn für ihre Schönheit zu haben. Das fällt leicht an einem Ort, der besonders viele schöne Seiten hat. Damit habe ich schon gesagt, dass diese Stadt schöne Seiten hat. Mehr, als viele andere, die ich kenne. Sie ist dabei auf ihre Weise schön. Anders, als Venedig schön ist, (die für mich die schönste von allen ist); anders, als Rom schön ist; anders, als Paris schön ist. Ich könnte noch weitere Städte aufzählen. Wer wissen will, welche Städte dem allgemeinen Schönheitsideal entsprechen, der braucht nur in einem der zahlreichen Städtereisekataloge zu blättern, und weiß bescheid; oder findet bestätigt, was er ohnehin wusste.

Wenn es mir also allein darum gegangen wäre, herauszufinden, ob die Stadt schön ist, hätte ich es auch bequemer haben können; angesichts der Macht der Bilder im Kopf. Ich bin aber trotzdem hier. Bruce Chatwin blieb auch nicht da, wo er war, fuhr los und schrieb ein Buch darüber: WAS MACHE ICH HIER? Er durchschaute die Welt, durchschaute sich, und durchschaute auch seine Leser. Die Frage warum? nahm er kühn und klug vorweg; scheinbar ein Paradox. Aber Chatwin wäre nicht Chatwin, wäre keine mythische Gestalt, wenn nicht ein Rest von Geheimnis bliebe. Ein Rest von Unverständlichkeit. Den es interessiert, durchzublicken, mag aufbrechen, und versuchen, diesem Rest an Geheimnis auf die Spur zu kommen.

Ich gestehe mir eine vorläufig letzte Ablenkung zu: Wenn ich es mir recht überlege, bin ich unterwegs, weil mich Fragen mehr interessieren, als die Antworten darauf. Unterwegs tauchen laufend neue Fragen auf. Das könnte von mir aus ewig so weitergehen. Antworten schließen etwas ab. Fragen schließen etwas auf.

Die aktuelle Frage: Kann mir jemand sagen, wo die Sprecherstraße ist? – Ja, sie können dir sagen wo die Bahnhofstraße ist. Sie gehen davon aus, dass du von dieser berühmten Straße weißt. Und wie zur Bestätigung, dass es sie wirklich gibt, wird sie dir gezeigt, obwohl du gar nicht darum gebeten hast.

Es wird noch dauern, bis du den Blick des Fremden verloren hast.

Vorerst bewahre ich mir den Blick des Fremden und auch dessen Gang und gehe in das Landesmuseum Zürich, weil es eine Hesse-Ausstellung zu sehen gibt. Ich gehe die einzelnen Stationen seines Lebens ab. Vor einer Vitrine bleibe ich stehen. Etwas hat mich irritiert. Ich weiß nicht, ob es neben mir noch anderen so gegangen ist. In der Vitrine sind persönliche Dinge des Dichters aus seinem Nachlass zu sehen. Neben Briefen, die er immer mit einem seiner farbenfrohen Aquarelle beginnen lässt, liegen aus: seine Gartenschere, sein Füllfederhalter, verschiedene seiner runden Brillen und vieles mehr. Zutaten eines Lebens. Dazwischen ein unscheinbarer Karton, eine graue Schachtel. Auf dem Deckel der Schachtel drei Worte in (Hesses?) Handschrift verfasst:

Farben

Malsachen

Revolver

Erschaffen und Zerstören so nah beieinander. Jetzt interessiert mich plötzlich, ob diese Zutaten das Rezept eines Lebens ergeben, und ob es überhaupt ein Rezept für ein Leben geben kann und ob Hesse ein Rezept für seines hatte.

Da sind also wieder diese Fragen, die sich einem unterwegs in den Weg stellen. Stoff genug, um demnächst von neuem aufzubrechen; vielleicht nach Montagnola. Auf die richtige Seite der Berge, wie Hesse geschrieben hat.