Nah-Frost-Konflikt mit dem Nachbarn

Es gibt nichts auf der Welt, über das man nicht wahnsinnig werden könnte. Man muss nur wollen. Dabei ist es gar nicht nötig, weit zu gehen, um sich zu vergewissern, was gerade wieder in Nah-Ost zwischen den Israelis und den Palästinensern so abgeht; jede Menge Raketen nämlich. Wir müssen uns nur in unserer unmittelbaren Umgebung umschauen und stellen fest:…

…zum Wahnsinnigwerden sind zum Beispiel direkte Nachbarn ideal. Die meisten verhalten sich nämlich dem Klischee gemäß, das heißt, dass sie einen ständig auf dem Kieker haben. Jedenfalls fühlt man sich so. Vor allem auf dem Dorf fühlt man sich ständig kontrolliert. Wohnen Sie auf dem Dorf? Na, dann kennen Sie das ja sicher auch. Schon wenn Sie morgens das Haus verlassen, fühlen Sie sich beäugt. Hat da nicht eben die Gardine gewackelt? Verrückt, oder? Sie beobachten sich selbst wie Sie zu den Mülltonnen gehen. Sie beobachten, ob Sie der Nachbar dabei beobachtet wie Sie den Müll entsorgen. „Schau her“, denken Sie im Stillen „was für ein vorschriftsmäßiger Trenner ich bin“. Und während der Restmüll in die Graue, der Bioabfall in die Braune und der Verpackungsmüll in die Gelbe Tonne plumpst, blicken Sie triumphierend über die Mauer zum Nachbarhaus. „Du kriegst mich nicht dran, du nicht.“

Und nach Feierabend, wenn Sie nach Hause kommen, halten Sie sich dann nicht auch schön vorbildlich vom angestammten Parkplatz Ihres Nachbarn fern?, da der diesen sicher – wenn es darauf ankäme – wie seinen Gazastreifen verteidigen würde. Es ist zum Verrücktwerden. Zumal, wenn man bedenkt, dass „sein“ Parkplatz in diesem Moment der einzig freie in der Nähe Ihres Zuhauses ist.

Eigentlich erscheint es ja harmlos, was der Nachbar tut. Schließlich beobachtet er einfach nur. Ganz unauffällig studiert er nachbarschaftliches Verhalten darauf, ob es artgerecht ist oder nicht. Dabei geht er einer Tätigkeit nach, die nach Untätigkeit aussieht, nach Teilnahmslosigkeit, Langeweile. Tatsächlich gehört das alles nur zu seiner perfekten Tarnung. Wie einst zum Tierfilmer Heinz Sielmann. Er ist uns als Beobachter noch gut in Erinnerung. Seine ersten Observationen mit dem Feldstecher seines Vaters galten der Vogelwelt. Seine Mutter schenkte ihm den ersten Fotoapparat und schon bald darauf kaufte sich klein Heinz die erste Filmkamera. Seine Neigung, Tiere zu beobachten, hat ihm später – wie passend – mehrere Bambis eingebracht sowie zweimal das Bundesverdienstkreuz. Unzählige Tierfilme hat er gedreht. Legendär seine »Expeditionen ins Tierreich«, die zwischen 1965 und Anfang der 90er zu den Straßenfegern im TV-Deutschland gehörten. »Verhaltensforschung bei Tieren« so der Untertitel der Dokus. Gebannt saßen wir vor der Flimmerkiste und beobachteten den Beobachter Sielmann unter anderem beim Beobachten von Pelzrobben, Störchen, Rotwild, Seevögeln, Eisbären, Insekten, Gorillas, Fischottern, Faultieren, Buntbarschen. Heimisches wie exotisches Getier. 152 Ausstrahlungen. Zuerst in Schwarzweiß, später in Farbe.

Neben den Aufnahmen von Feldhamstern im unterirdischen Bau sind mir besonders die Schwarzspechte im ausgehöhlten, längsseitig aufgesägten Baumstamm in Erinnerung geblieben. Mehr noch die Technik der Sielmann´schen Tarnung zur Beobachtung der brütenden Waldbewohner in ihrer Baumhöhle. Ein für mich prägendes Erlebnis: drinnen die Spechts, draußen der Sielmann. Beide nur von einer Glasscheibe getrennt. Und der Vogel merkt nichts! Wahnsinn.

Wenn ich bedenke, ist das eigentlich so wie bei mir und meinem Nachbarn. Nur dass der drinnen steht und ich draußen. Dazwischen ist allerdings auch nur die Fensterscheibe. Und der denkt, ich merk nichts. Wahnsinn. Bis vor kurzem habe ich mich gefragt, ob er uns wohl auch bei der Aufzucht unserer Kinder beobachtet? Seit jüngster Zeit beschäftigen mich allerdings weiterreichende Gedanken. Es stellt sich mir die Frage, wann wohl der Moment im Leben des Nachbarn gekommen war, an dem er sich zu dem der Teil der Menschheit gezogen fühlte, die man zu den Beobachtern zählt. Während andere, wie ich, ihre Zugehörigkeit auf der Seite der Menschheit fanden, die der Gruppe der Beobachteten zugerechnet werden müssen. Ich meine genau den Augenblick, als sich die Welt in Sielmanns und Schwarzspechte teilte. Wenn ich so drüber nachdenke – Wahnsinn, echt Wahnsinn.