Orte im kollektiven Bewusstsein

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Es gibt deutsche Orte, deren Namen man kennt; man weiß, dass es sie gibt, aber nicht wo und wozu eigentlich. Salzgitter zum Beispiel. Oder Lingen. Oder Mittenberg. Punkte auf der Landkarte. Anders ist das mit Flensburg.

Wer den Namen der Stadt hört, denkt sofort an eines – ja, genau auch an Punkte. Aber an jene Punkte, mit denen Verkehrsünder für zu schnelles Fahren oder das Ignorieren einer roten Ampel bedacht werden. Als Verkehrssünder sammelt man diese Punkte; was harmlos klingt, aber unangenehme Folgen haben kann, wenn zu viele davon gesammelt wurden. Abgesehen von der Verkehrsünderkartei, bringt man Flensburg aber noch mit anderen sündhaften Themen zusammen. Als aufgeklärter Bürger kennt man natürlich Beate Uhse. Man weiß, dass der Firmensitz der gleichnamigen AG in Flensburg ist. Weiß man eben. In mehr als 60 Jahren hat sich Beate Uhse schließlich eine Kompetenz und Erfahrung aufgebaut, auf die Millionen von Kunden in 16 Ländern Europas vertrauen; und die Flensburg eine weitere gewisse Bekanntheit neben der Verkehrssünderkartei gebracht hat. Ähnlich ist das mit Oberammergau. Oberammergau? Wie kommen wir jetzt nach Oberammergau? Ganz einfach: Wir müssen einen Bogen schlagen, indem wir eine geschickte Überleitung vom ersten zum anderen Thema finden. Der Bogen, den wir von Flensburg nach Oberammergau schlagen, ist zwar verdammt weit (so etwa 1.000 Kilometer), aber es gibt durchaus Verbindungen. Nein, Oberammergau ist nicht die Partnerstadt von Flensburg. Gott bewahre Oberammergau! (Oder vielleicht doch Flensburg?!). Wo also sind die Verbindungen – wohl möglich sogar Gemeinsamkeiten – zu sehen? Von Oberammergau wie von Flensburg weiß man, dass sie existieren. Nicht nur auf der Landkarte, auch in unserem kollektiven Bewusstsein. Eine Verbindung besteht des Weiteren auch bezüglich der Lage, des einen wie des anderen Ortes: Beide befinden sich in einer Randlage. Flensburg ganz oben. Oberammergau ganz unten. Man weiß demnach also auch, wo es sie gibt. Und auch die Antwort, warum es sie gibt, kann gegeben werden: Flensburg punktet seit 1957 mit dem Verkehrszentralregister für Verkehrssünder. Oberammergau punktet seit 1634 mit den Passionsspielen, welche man für teils sündhaft hohe Preise, die man insbesondere als ausländischer Tourist für so genannte Packages (Eintritt, Abendessen, Übernachtung) zahlen muss, ansehen kann.

Blicken wir nach Flensburg in die Verkehrsünderkartei, schlagen wir drei Kreuze, wenn wir nicht unseren Namen darin finden bzw. entzünden symbolisch eine Kerze dafür, dass wir die Grenze von 18 Punkten, an der wir unseren Lappen abgeben müssten, wohl nie überschreiten werden. Blicken wir nach Oberammergau ins Passionsspielhaus schlagen dort alle zehn Jahre als römische Soldaten verkleidete Oberammergauer Männer von Mai bis Oktober täglich bzw. allabendlich Gottes Sohn ans Kreuz. Freilich nicht wirklich, sondern nur sehr, sehr eindrucksvoll gespielt. Und das alles nur, damit möglich viele Gäste während der Spielzeit im Ort aufkreuzen, eine von rund 120 Vorstellungen besuchen und drum herum möglichst viel Geld im Ort lassen. Nun gut, zumindest streng historisch gesehen stimmt das auch nicht wirklich. In Wirklichkeit spielen die Oberammergauer alle zehn Jahre die letzten Tage Christi, weil sie das im Pestjahr 1633 feierlich so versprochen haben. Klingt auch irgendwie sehr viel eindrucksvoller. So oder so: Die Story, die hier gespielt wird, ist so bekannt, dass der Ruf Oberammergaus in die ganze Welt hallt. Und nicht nur in der Katholischen weiß man, dass es diesen Ort gibt; und zudem wo und warum.

In Flensburg ist im Gegensatz zu Oberammergau das Katholische bekanntermaßen weniger zuhause. Und ob es überproportional häufig zu Besuch kommt, kann man nicht sagen. Fazit: Wenn die beiden Orte auch bei überraschend vielen Themen auf einer Linie liegen – annähernd sogar auf dem gleichen Längengrad – in diesem Punkt unterscheiden sie sich doch deutlich.

Ich habe die letzten drei Jahre auf dem Land gelebt. Herausgekommen ist ein Buch, ein unsachliches Sachbuch, ein subjektives Buch über das Erleben auf dem Land (in Oberammergau). Es ist das Zeugnis eines Selbstversuchs. Es erzählt von Städtern, die sich auf dem Land versuchen… ein Experiment. Die Versuchsergebnisse werden hier in Auszügen nachzulesen sein – Glossen eigentlich – ironisch, kritisch, pointiert und manchmal auch bissig. Land kann ganz schön fruchtbar sein, wenn man es literarisch beackert. Warum ich das Buch auch geschrieben habe? Alles, was mit Land zu tun hat, erfreut sich in den letzten Jahren unglaublicher Beliebtheit. Es ist eine Epidemie: die Landliebe. Und wie wir wissen, macht Liebe blind. Es wurde daher Zeit, dass mal jemand einen Gegenentwurf bringt und nicht auch in den großen Chor, der über die ewige Lust vom Leben auf dem Lande singt, einstimmt.

Verlag gesucht: »Orte im kollektiven Bewusstsein« ist ein Kapitel aus dem Manuskript, das vierundreißig Nachrichten vom Erleben auf dem Land umfasst und aus dem ein Buch werden soll. Der Titel: »Es ist ein hartes Leben in der Provinz… – Aber einer musste es tun«