Richtung Deutschland

Bildquelle © Florian-Michael Bortfeldt

Dein Verhältnis zu Deutschland war gespalten. So gespalten wie dein Land. Bis zu jenen Novembertagen hat dir jedes Gefühl gefehlt, etwas über dieses Land…

…zu sagen oder gar zu schreiben. Du warst ein Deutscher aus dem Westen wie sechzig Millionen andere Deutsche; und du gehörtest bis in die jüngste Vergangenheit zu jenem Teil dieser sechzig Millionen, der niemals auch nur in die Nähe der Mauer gekommen war. Du hattest dir dieses Machwerk der Unmenschlichkeit nie zuvor angesehen, hattest niemals die Wachtürme und den Stacheldraht gesehen, niemals den Beton und niemals die Schießanlagen. Du hattest verdrängt was dich bedrücken wollte. Für dich war diese Grenze auch die Grenze deiner Gedanken an das andere Deutschland. Natürlich, ob du wolltest oder nicht, du konntest oft darüber lesen und wieder und wieder wurde dir die Mauer, und wurden dir jene, die sie überwinden wollten, um Unfreiheit gegen Freiheit zu tauschen, durch ein allgegenwärtiges Fernsehen ins Bewusstsein gerückt. Es beunruhigte dich jetzt, dass du diese Abziehbilder der Wirklichkeit als die Realität akzeptiert hattest. War das der Grund hinzufahren? Gäbe es mehr zu sehen?

Am 4. November – auf dem Weg in Richtung Kassel – sagst du dir, dass es keine Spurensuche werden soll. Du bist nicht mit der Absicht aus Düsseldorf weggefahren, um festzustellen, dass Bad Sooden ein Kurort im Tal der Werra ist, der seit vierzig Jahren am Ende der westlichen Welt liegt. Doch, wird es dir nicht verborgen bleiben. Dieses Schicksal teilt der Ort mit dutzenden Orten entlang der Grenze. Nachdem du die Autobahn, die dich in einer großen Schleife um Kassel herum führt, verlassen hast, begleitet dich schon die »Stimme der DDR« auf den letzten Kilometern über die Bundesstraße. Hin und wieder versicherst du dich, mit einem kurzen Blick auf die großen, gelben Hinweistafeln deines Weges. Du ließt Ortsnamen, die du bis heute nicht so recht zuordnen konntest. Noch West oder schon Ost? Schon Ost oder noch West? Hättest du nicht vermuten können, dass Großalmerode, Duderstadt und Lichtenau ganz real im deutschen Osten existieren? Oder hättest du nicht? Jetzt bekommst du Nachhilfeunterricht. Mit dem Atlas im Kopf stellst du fest, dass du in der gedachten Mitte deines Landes bist. Doch diese Mitte wurde in der politischen und kulturellen Wirklichkeit immer nur am Rande erwähnt. Sie lohnte nicht beschrieben zu werden, weil sie zu ehrlich, zu unauffällig, zu undramatisch war. Wer dennoch in die Gegend kommt, die zu leise ist, um bedeutend zu sein, fährt geschlungene Wege. Er fährt auf Straßen, die bestimmt sind von der Topographie der Landschaft. Hügelketten, aber vor allem der Lauf der Werra, geben den Weg vor.

Das eigentliche Tal der Werra beginnt hinter Witzenhausen und wie unvermutet eröffnet sich jetzt hinter einer scharfen Biegung der Blick auf das andere Deutschland. Doch so plötzlich dieser Moment auch kommt, so sicher hast du ihn erwartet. So sicher, wie du die beschriebene, aber noch unbekannte Seite eines Buches erwartest, nachdem du die gelesene umgeschlagen hast. Die Straße verläuft noch einige Kilometer am Fluss entlang, der hier auch schon auf viele hundert Meter von Zaun und Stacheldraht begleitet wird. Natürliche Begrenzung und unnatürliche Grenze ergänzen sich hier ungewollt in Harmonie. An dieser Stelle, kurz hinter einem Tunnel und etwa zwei Kilometer vor Bad Sooden, laufen alle Fäden zusammen: Fluss, Straße, Schiene und Zaun. Letzterer blitzt metallisch kühl in der Abendsonne. Ein Parkplatz, der eigens als Aussichtspunkt für Reisende angelegt wurde, die einen Blick auf die andere Seite und auf das nur dreihundert Meter entfernte Wahlhausen erhaschen wollen, ist leer. Die Szenerie, die sich dir bietet, hat etwas von der Ruhe, die von dem Moment ausgeht, nachdem sich der Vorhang gehoben hat und den Blick auf ein perfektes Bühnenbild freigibt. Sekunden des Schweigens. Voller Erwartung auf das, was da kommen soll; und du sitzt in der ersten Reihe.

Die kommenden Tage werden angefüllt sein von Emotionen, die sich aufschaukeln, von Nachrichten, die sich überstürzen und von Ereignissen, die sich überschlagen. Am 14. November und wieder zuhause, weißt du, dass du zurückkommen willst; du willst entdecken. Auch dir im Westen hat man etwas vorenthalten, das ein Teil deiner Geschichte, deiner Kultur, deiner Identität ist. Du willst sehen, was du nur aus Büchern kennst. Willst eine Landschaft bereisen, die es eigentlich schon gar nicht mehr gab. Willst Richtung Deutschland fahren.

Dieser Text wurde von mir im November 1989 verfasst.