VON GHOSTWRITERN, SKLAVEN UND »NEGERN«

„In der politischen Tradition Frankreichs ist es wichtig, seine Qualitäten als Schriftsteller…

…unter Beweis zu stellen. Man wirkt weise, ernsthaft und strukturiert.“ Das sagt der Politologe Bruno Cautrès. Die WELT AM SONNTAG zitiert ihn in ihrem Artikel »Buch für Buch an die Macht« am 28. August 2016. In Frankreich, so ist dort weiter zu lesen, existiere eine alte Liaison zwischen Politik und Poesie. Vielleicht sagt man besser: zwischen Präsidentschaft und Poesie. Jedenfalls: Politiker, die in Frankreich groß raus kommen wollen, müssen vorher mindestens ein Buch herausgebracht haben. (François Hollande? Hat er eigentlich?)

Wie dem auch sei: „45 Minuten Interviews zur Hauptsendezeit im Radio oder Fernsehen, die bekommt man ohne Buch nicht“, so Cautrès weiter. Am besten sollten sie vorher auch zur Feder gegriffen und ihr Buch selbst geschrieben haben. Ansonsten sei es kein Geheimnis, so die WAMS, dass die Mehrheit der Politiker ihre Werke nicht selbst schreiben würde. 80 Prozent, so schätzen Kenner der Verlagsszene, greifen für ihre Bücher auf Ghostwriter zurück, négre nennt man sie in Frankreich, wörtlich Neger, literarische Sklaven, die namenlos im Hintergrund bleiben und zur Verschwiegenheit verpflichtet werden.«

In Deutschland ist das Wort »Neger« tabu. Wenn bei uns also »Neger« als Synonym für Ghostwriter ausfällt (was für »Neger« wie für Ghostwriter zu begrüßen ist), könnte ich mir ersatzweise noch »Schwarzer Peter« vorstellen. Das würde dann zukünftig im Buch-Kontext immer bedeuten, dass, wer den »Schwarzen Peter« hat, ein Werk von einen Ghost schreiben lässt.

Kurz zurück nach Frankreich: Von Mitterand bis Sarcozy – sie alle haben geschrieben, schreiben oder lassen dafür einen Sklaven, einen »Neger«, ran. Ich bin sehr gespannt, was passiert, wenn Frankreich mal einen farbigen Präsidenten bekommt.

Autor: Holger Schaeben, Schreibkraft; schreibt Bücher für seine Auftraggeber (als Ghostwriter) und für seine Leser (als Holger Schaeben)