Brüderle und Schwesterle

Mann, Frau, Sex, Macht. Ein hochexplosiver Cocktail. Ort der Handlung: Eine Hotelbar um Mitternacht. Die Protagonisten: Eine junge Frau, ein…

…älterer Herr. Sie Journalistin, spricht ihn, Politiker, auf sein Alter an. Sie möchte von ihm wissen, wie er es findet, im fortgeschrittenen Alter zum Hoffnungsträger aufzusteigen.

Jeder Mann und jede Frau muss sich in dieser Situation über eines bewusst sein: Waren die Rollen während des gemeinsamen Arbeitstages klar verteilt – er Politiker, sie Journalistin – sind sie es um diese späte Stunde, bei Cocktails und in vermutlich lockerer Atmosphäre, nicht mehr so ganz. Jetzt ist er in ihren Augen auch Mann und sie in seinen Augen auch Frau.

Meine These: Wäre das Gegenüber der jungen Frau nicht ein Mann, der zudem schon als Veteran bezeichnet werden darf, hätte sie ihn nicht direkt auf sein Alter und zugleich indirekt auf seine männliche Vitalität angesprochen. Aber sie tut es. Und er antwortet nicht als Politiker, er antwortet als Mann. Man könnte es Dummheit nennen, was ihn betrifft. Man könnte es aber auch Verführung nennen, was sie betrifft. Hatte sie vielleicht darauf spekuliert, dass er als Mann antworten würde?

Die Mann-Frau-Situation stellt sie, die Journalistin, in ihrem mit „Der Herrenwitz“ betitelten Stern-Portrait von letzter Woche, weiter so dar: „Brüderles Blick" (...) wandert auf meinen Busen. „Sie können ein Dirndl auch ausfüllen.“ Im Laufe unseres Gesprächs greift er nach meiner Hand und küsst sie. „Ich möchte, dass Sie meine Tanzkarte annehmen.“ „Herr Brüderle“, sage ich, „Sie sind Politiker, ich bin Journalistin.“ „Politiker verfallen doch alle Journalistinnen“, sagt er. Ich sage: „Ich finde es besser, wir halten das hier professionell.“ „Am Ende sind wir alle nur Menschen.“

Apropos professionell. Professionell wäre es gewesen, hätte die Journalistin eine gute Reportage über ihr tägliches Zusammentreffen mit dem Politiker geschrieben. Stattdessen rückt sie das nächtliche Zusammentreffen mit dem Mann in den Mittelpunkt ihrer Darstellung. Sie zeichnet das Portrait eines Mannes, dessen Schwäche es ist, sich gerne als der Starke zu präsentieren. Und das noch im fortgeschrittenen Alter von 67.

Mein Fazit: Wenn Herr Brüderle ein Grabscher ist, ist er moralisch zu verurteilen. Wie natürlich jeder Mann, der sich Frau gegenüber im Ton vergreift oder gar handgreiflich wird. Was mir nicht passt, ist die Vorverurteilung, die wir gerade wieder erleben: Der Mann per se in der Rolle des Bösen. Die Frau per se in der Rolle des Opfers. Diese Art der Darstellung, die aus der Mann-Frau-Situation automatisch eine Mann-Opfer-Situation macht; diese Verallgemeinerung finde ich Mann wie Frau gegenüber unwürdig. Zudem ist der Versuch, der Lösung des Problems auf diese Weise näher zu kommen, absolut witzlos.