Das Märchen vom bösen Wulff

Von Großbürgerwedel nach Hannover (Bildquelle © Ancello/Fotolia)

 

Es war einmal ein Ministerpräsident, der hatte viele Freunde. Eines Tages nahm er seine Frau an die Hand und sagte: „Komm Frau, wir wollen ein Haus bauen.“ Die Frau antwortete: „Wenn du meinst, mein lieber Mann, dann wollen wir ein Haus bauen.“ Und so ging der Ministerpräsident zu seinen Freunden, um sich dort das Geld für den Hausbau…

…zu leihen. Jahre vergingen, aus dem Ministerpräsident war inzwischen ein stattlicher Bundespräsident geworden. Wenn er nicht im weißen Bundespräsidentenschloss in Berlin residierte, lebte er mit seiner Frau friedlich in dem roten Backsteinhaus in Großbürgerwedel, das er mit dem privaten Kredit eines Freundes finanziert hatte. Doch der Bundespräsident, als er noch Ministerpräsident war, hatte einen Fehler gemacht. Eines Tages – an einem Dreizehnten – wurde dieser Fehler von aufklärungsverpflichtungsbewussten Journalistenfreunden ins grelle Licht der Öffentlichkeit gestellt, dass diese sich eine Meinung über ihren Bundespräsidenten bilden könne. Von nun an hatte der Bundespräsident nicht nur Freunde und ein Haus, sondern auch Feinde und eine Kreditaffäre. Was hatte der Bundespräsident – als er noch Ministerpräsident war – Schlimmes getan? Warum wollte man ihm jetzt – viele Jahre später – an den Pelz?

Unglaubliches warf man ihm vor. Er solle doch tatsächlich das Privileg der Freundschaft ausgenutzt haben. Von Vorteilsmissbrauch war die Rede. Von einem zinsgünstigen Privatkredit, den er sich anstelle eines teuren Bankkredits besorgt hatte. War denn der Vorteil, Freunde zu haben, tatsächlich ein Vergehen? Die Sache war so gewesen: Als der Bundespräsident noch Ministerpräsident war, hatten ihn seine Landtagsfreunde gefragt, ob er geschäftliche Beziehungen zu einem bestimmten Unternehmerfreund habe. Das hatte der Bundespräsident, der damals noch Ministerpräsident war, verneint. Verschwiegen hatte er damit auch, dass er sein Häuschen in Großbürgerwedel mit einem zinsgünstigen Privatkredit und nicht mit einem teuren Bankkredit finanziert hatte. Und zwar mit des Unternehmerfreundes Geld. Für den Bundespräsidenten, der damals noch Ministerpräsident war, ein privater Deal, keine geschäftliche Angelegenheit. Der Bundespräsident, als er noch Ministerpräsident war, hatte seine Landtagsfreunde also nicht wirklich belogen. Er hatte ihnen nur nicht die ganze Wahrheit gesagt. Böse ist, wer Böses dabei denkt. Frei nach Forrest Gump. Ach ja – und wenn er nichts verschwiegen hätte, dann lebten sie – der Bundespräsident und seine Frau – noch heute glücklich bis ans Ende ihrer Tage im weißen Bundespräsidentenschloss. Sollte man glauben. Aber glauben Sie an Märchen?

Heute – Monate später – hat der Ex-Ministerpräsident und Ex-Bundespräsident nur noch Ex-Freunde. Und als sei das nicht schon genug der Strafe, hat er jetzt auch noch eine zukünftige Ex-Gattin. Wohl darum hat er Großbürgerwedel nun den Rücken gekehrt. Er ist aus seinem roten Backsteinhaus ausgezogen und hinein nach Hannover ins Ex–iel. Warum gerade Hannover? Schöne Stadt, aber offene Fragen.