VOM LESER ZUM SCHREIBER ZUM AUTOR UND GHOSTWRITER

Er wird oft gefragt wie er zum Schreiben kam, manchmal fragt er sich das selbst. Er hat nur diese eine Geschichte, die er dazu erzählen kann: Seine Mutter war…

…die Leserin. Ob sie ihm vorlas, dem Kind? – er kann es nicht sagen. Wenn er später an seine Mutter dachte, sah er sie im Wohnzimmer in ihrem Sessel sitzen, auf dem Schoß ein aufgeschlagenes Buch und neben sich ein Stapel von Büchern, die scheinbar begierig darauf warteten, gelesen zu werden. Sie war Vielleserin, eine, die dicke Bücher verschlang, meistens Familiengeschichten, oft aus den Südstaaten der USA. Je älter sie wurde, umso mehr vergrub sie sich in ihren Büchern, verschwand in den Geschichten schließlich ganz. Er wollte nicht in Büchern verschwinden, war auf eine unbestimmte Art aber auch fasziniert. Während die meisten seiner Freunde den Nachmittag auf dem Bolzplatz verbrachten, zog es ihn in eine öffentliche Bücherei. In der Stadt gab es einige Büchereien für lesehungrige Bürger, diese aber war an einem besonderen Ort. Sein Weg dorthin führte ihn zuerst durch den Park, am Schlossweiher und an gepflegten Rasenflächen und Blumenrabatten vorbei. Nach diesem Weg fühlte er sich, als sei er in eine andere Welt getaucht. In dieser Welt herrschte eine andere Zeit, Stunden schrumpften auf Minuten. Die Realität transformierte in ein Tagtraumformat. Auf einer Wolke schritt er die Regalreihen ab, griff ein Buch heraus, las und vergaß vollends die Zeit. Sein Buchparadies lag im ersten Stock eines Gebäudes, das zu einem Barockschloss gehörte; hier hatte er schon unzählige selige Stunden verbracht. Er liebte das Gewicht und den Geruch der Bücher, die er mit nach Hause trug. Das Gewicht bedeutete versorgt sein mit geistigem Gut. Der Geruch versprach Abenteuer, Helden und unentdecktes Land. Es waren die Helden Nordamerikas, die Entdecker, Pfadfinder, Fallensteller, Pioniere und Indianer für ihn.

Eines schönen Tages, nach einer sehr langen Zeit, legte er das letzte Buch zur Seite, aus unerfindlichen Gründen war seine Buchlust plötzlich verbraucht, warum, fragte er sich nicht. Unvorstellbar lange hielt er es aus, ohne auch nur ein einziges Buch in die Hand zu nehmen. Für Jahre waren andere Dinge wichtiger für ihn und das Andere war das, was jedem Siebzehnjährigen wichtiger erscheint. Doch irgendwann kreuzte aus dem Nichts ein kleines großartiges Buch seinen Weg, das Schlafes Bruder hieß. Es war die Geschichte von Johannes Elias Alder, dem Jungen, der im Alter von fünf Jahren eine Verschärfung seines Gehörs erlebte und als junger Mann sein musikalisches Genie in sich entdeckte. Es ist auch die Geschichte, die ihn, den Leser, der lesemüde gewordenen war, wieder zu den Büchern brachte. Ein Erweckungserlebnis, ausgerechnet durch ein Buch, das den Titel Schlafes Bruder trug. Robert Schneider hatte es geschafft, die Glut seines Lesefeuers wieder neu zu entfachen. Von da an las er sich durch die halbe Weltliteratur, entdeckte Hemingway, Frisch, Dürrenmatt, Zuckmayer, Glauser, Fallada. Er las wirklich viel, eigentlich immer; die anglo-amerikanischen Erzähler, die Spanier, die Südamerikaner, die Deutschen, die Schweizer – vor allem die Amerikaner und die Schweizer – hatten es ihm angetan. Statt mit dem Auto, fuhr er jetzt mit Bus und Zug zur Arbeit in die Stadt. Die Stunden füllte er mit Lesezeit. Wie wenig er wusste und wie wunderbar viel es noch zu entdecken gab. Er erinnerte sich an seine Mutter und auch an seine Schulzeit zurück, las wieder Büchner, ging mit Lenz durchs Gebirg´, las Hauptmann, folgte dem Bahnwärter Thiel durch die märkischen Kiefernforste und fand sich mit der Droste-Hülshoff bei der Judenbuche ein. Je mehr er las, umso mehr fühlte er aber noch etwas: er fühlte, dass es das Lesen alleine nicht war. Jahre vergingen. Der Beruf, eine Heirat, ein Sohn, ein Leben wie vorgezeichnet, absehbar. Um der Absehbarkeit zu entkommen, griff er selbst zum Stift, es passierte, dass er zu schreiben begann. Als er schrieb, hatte er keinen Plan, es gab nur ein Gefühl, das aus ihm einen Schreiber machte. Er wurde zum Beobachter, der schrieb, ein Beobachter, der aufschrieb, was seine Sinne für ihn erfassten. Plötzlich kam ihm alles wichtig vor, alles wollte festgehalten, alles auf Papier gebannt werden. Was sollte er dagegen machen? Er musste es aufschreiben wie es kam. Kein Satz, den er las oder der an seine Ohren drang, war sicher vor ihm. Es waren unbewusste Übungen, Fingerübung, Formungen, Stilfindungen. Er war ein Lehrling, ein Handwerker, er war auf dem Weg, ein Autor zu werden, ein Schriftsteller vielleicht, vielleicht war er sogar auf dem Weg zur Meisterschaft, ein Weg, der bestimmt ein sehr weiter war, aber er hatte sich aufgemacht. Was er mit Sicherheit wusste: Ein Schreiber wurde man nur, wenn man schrieb. Wo immer er jetzt war, hatte er eines seiner Notizbücher dabei. Er notierte einen Satz, eine Beobachtung, einen Gedanken, ein Wort, eine Idee, schrieb einen Anfang oder brachte eine Passage zu Papier. Er schrieb einen ganzen Stapel kleiner, kartonierter Bücher voll. Das Leben war sehr ergiebig und die große Welt, sie passte wunderbar in dieses kleine Buch hinein. Immer wenn er eines der Notizbücher gefüllt war, fing er wie selbstverständlich ein neues an. Er hatte keinen Zweifel, dass es Sinn machte, was er tat. Er füllte die Seiten mit Stoff, schrieb schon für später, ohne zu wissen, was er da tat. Er sammelte das Material für die Geschichten, für alles, was noch zu schreiben war. Er schrieb und schrieb – eigentlich immer; er liebte es zu schreiben und selbst in seinen Geschichten zu verschwinden. In diesen Geschichten herrschte eine andere Zeit, Stunden waren wie Minuten kurz. Die Gegenwart war in einen anderen Zustand getreten, die Realität transformiert in ein Tagtraumformat. Doch ganz verschwunden war er nicht, er war nur ganz bei sich angekommen. Es fühlte sich richtig für ihn an, aber vor allem: Mit dem Schreiben verschwand seine Angst vor dem eigenen Verschwinden aus der wirklichen Welt.

Autor: Holger Schaeben, Schreibkraft; schreibt Bücher für seine Auftraggeber (als Ghostwriter) und für seine Leser (als Holger Schaeben)