Hoch gebe der Gast

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Donnerstag Nachmittag. Unser vorletzter Urlaubstag in Italien. Samstag wollen wir zurück, aber noch nicht direkt nachhause. Eine Übernachtung möchten wir uns noch gönnen. Eine kleine Urlaubsverlängerung. Ein Tag und eine Nacht noch dranhängen. Ein Hotel am Bodensee wäre ein schöner Urlaubsverlängerer. Ich will sehen, was sich machen lässt. Mutter und Kind freuen sich mit mir schon mal vor.

Ich wähle eine mir bekannte Telefonnummer eines Hotels in Bregenz. Deuringringring! Nach nicht einmal fünf Sekunden geht eine freundliche Stimme ran. Nach nicht einmal zehn Sekunden kommen wir leider zu einem „unfreundlichen“ Ergebnis: ausgebucht, Ausnahmezustand, Festspielzeit. Festspielzeit – schön – leider nicht für uns. Ich lege auf, mache mir jedoch Mut. War ja schließlich erst der erste Versuch.

Jetzt muss Google helfen. Mal sehen, was sich unter »Designhotel Bodensee« finden lässt. Ich google und staune, was sich so alles Designhotel nennt… Aber da: ein »Riva Hotel«. Ich lese Luxushotel und Extraklasse. Ich zögere, klicke dann aber doch drauf. Das sieht doch schon mal gut aus. Urlaub ist eben Urlaub. Da darf ein bisschen Luxus und Klasse schon sein. Auch ein Ausnahmezustand. – Das Hotel, so lese ich, sei zum See hin ausgerichtet. Während ich weiter den Willkommenstext überfliege, sehe ich uns schon im »Riva« wie unsere Blicke von der selbstverständlich rivamäßig holzbeplankten Terrasse auf den See fallen – platsch, platsch, platsch! – Das Geräusch von Blicken, die auf den See fallen, muss mich aus meiner Tagträumerei gerissen haben. Konzentration. Ich klicke mich zur Preisliste durch. Da sieht es schon nicht mehr so gut aus. Ich schaue. Ab 200 Euro geht´s los. Aber Standard. Und bekanntlich ist Standard meist schon vergeben. Also anrufen. Nutzt ja nix. Am anderen Ende ist gleich eine bleistiftspitz gespitzte Stimme zu hören. Ich warte geduldig bis die Person, zu der die Spitzstimme gehört, ihre Begrüßungskurzgeschichte (endend mit: „Was darf ich für Sie tun?“) runtergespult hat. Freundlich bringe ich vor, was sie für uns tun könnte: ein Doppelzimmer, zwei Personen – genauer gesagt: zweieinhalb – und das alles für eine Nacht. Weiter komme ich nicht. Sie hätte nur noch ein einziges Zimmer, fällt sie mir ins Wort, zur Seeseite, Deluxe, 320 Euro. Ich schlucke. Aber nicht für eine Nacht, sagt sie, nur für zwei Nächte. Ich rechne und frage, warum sie nicht die Chance des Erstkontaktes wahrnehmen würden, um einen neuen Gast für sich zu begeistern. Darauf geht sie nicht ein. Darauf versuche ich es einfacher: Warum geht denn nichts für eine Nacht? Eine Nacht? Da würden wir uns ja das Wochenende kaputt machen, antwortet sie spitz – bleistiftspitz spitz.

Eine Nacht – das war mein Fehler gewesen: ich hatte nur nach einer Nacht gefragt. Eine unglaubliche Naivität meinerseits. Fast beschämt lege ich auf. Nein, das wollte ich nun wirklich nicht: dem »Riva« ein Wochenende kaputt machen. Wie war das noch? Das Hotel ist zum See hin ausgerichtet. Hätte mir gleich auffallen müssen, dass es nicht auf den Gast ausgerichtet ist. Hatte ich ja im Willkommenstext gelesen.

Also wieder online gehen, um den See herum und es mal auf der anderen Seite probieren. Die Schweizer sind doch die geborenen Gastgeber wie man weiß. Bald finde ich mit freundschaftlicher Unterstützung der Firma Google ein optisch ansprechendes, schlossartiges Haus. Ein Bio-Schloss sogar. Ein Hotel (wie es im Prospekt geschrieben steht) „Einfach zum Wohlfühlen – Erleben Sie alles außer Alltag“. Meinen Namen und meine Anfrage schreibe ich in das Kontaktformular. Senden. Noch darüber nachdenkend, was wohl das Nichtalltägliche sein könnte, trifft auch schon die Antwort in meinem E-Mail-Postfach ein. Ich lese. Der Sender, der sich als der „Gastgeber“ outet, hat uns wohl in einer Notlage geglaubt. Er offeriert uns ein Zimmer mit Futons, die er mit den Worten „japanisches Schlafsystem“ anpreist. Das Zimmer – und jetzt kommt´s – habe kein eigenes Bad/WC; dieses läge, so lese ich, vis-à-vis – also gegenüber. Apropos anpreisen: „210 Franken pro Zimmer und Nacht inkl.“ ruft der Gastgeber für das Zimmer inkl. ohne eigenes Bad und inkl. ohne richtiges Bett auf. Ich frage nicht mehr nach, ob das Bad/WC dem Zimmer gegenüber liegt oder auf der anderen Straßenseite. Für einen Gast dieses Zimmers hoffe ich nur, dass es nicht auf der anderen Seeseite liegt. Seinem Wunsch, ihm ein kurzes Feedback zu geben, ob er dieses Zimmer für uns so reservieren kann, komme ich jedoch sehr gerne nach. Nach dem ich auf den Senden-Button geklickt habe, weiß ich, dass ich beim Schlossherrn O. aus R. (alias der „Gastgeber“) zukünftig bestimmt nicht mehr anfragen muss. Der, denke ich, wird mir gewiss nichts mehr offerieren. Macht nichts. Vielleicht verschaffen wir uns ja irgendwann einmal Einlass unter dem Namen der Mutter meines Sohnes. Dann lernt er auch mal meine Frau kennen. Mit freundlichen Grüßen an den Bodensee! (Geschrieben auf direktem Weg von Italien nachhause.)