Der »Lotus-Effekt«

Ich fahre einen BMW – warum auch immer. Aus Freude am Fahren? Ich kann es ich nicht sagen. Ich habe mir diese Frage noch nie gestellt. In meinem Leben haben schon viele…

…Autos der unterschiedlichsten Marken einen Platz in meiner Garage gehabt. Ich war nie markentreu.  Ich bin ein Markenhopper. Mein Kaufverhalten war immer fremdgesteuert. Mal von Lust, mal von Vernunft, immer jedoch vom Portemonnaie. Ich weiß natürlich, sehr genau, auf welche Autos ich abfahre, bei welchem Fahrgestell ich schwach werden würde. Aber das sind Männerträume, Männerphantasien.

Letzten Samstag war mal wieder Waschstraße angesagt. Ich musste etwas gegen den Dreck auf BMW-Lack und -Felgen tun und für die Freude am Fahren und die Werterhaltung. Autowaschen ist ja immer auch eine Tat gegen das schlechte Gewissen. Der Vorher-Nacher-Effekt besteht darin, dass man nachher ein reingewaschenes Auto und ein sauberes Gewissen hat.

Wie gesagt, es war Samstag. Und wenn an Samstagen die Familienväter zur Waschstraße pilgern, beten sie, dass die Warteschlange nicht allzu lang sein möge. Aber auch wenn schon ein halbes Dutzend Fahrzeuge auf ihre Waschung warten, reihen sie sich dennoch geduldig ein. Ich auch. Insgeheim wissen wir vielleicht, dass die Länge der Wartezeit sich verstärkend auf den Vorher-Nacher-Effekt auswirkt. Je länger ich warten muss, umso besser fühle ich mich hinterher, nach der ganzen Schaum-, Wasser- und Hochdruckreiniger-Prozedur; irgendwie geläutert.

Aha, dachte ich, als ich fast dran war. Auf einem Schild an der Einfahrt zur Waschstraße las ich »Lotus-Effekt« und war sofort begeistert. Bald war ich dran und drin. Ich stieg aus und wanderte rasch um das Tankstellengebäude herum, nach vorne zum gegenüberliegenden Tor. Ich versprach mir, was mir das Schild versprach. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Es dauerte kaum fünf Minuten, da öffnete sich das große Rolltor zum großen Finale. Ach, dachte ich, als sich das Tor ganz geöffnet hatte. Sie mal an. Von wegen. Während mein BMW herauschauffiert wurde, stampfte ich erbost zum Tankwart. Das sei ja wohl das Letzte, pfiff ich ihn an. Ich redete auf ihn ein von wegen »Lotus-Effekt«. Sauerei! Leere Versprechungen. Wie könnte es sein, wollte ich wissen, dass er glaubte, damit durchzukommen. Er versuchte mir klarzumachen, dass ich da wohl etwas gründlich missverstanden hätte, aber ein Markenwechsel sei damit grundsätzlich nicht gemeint. Zur Entschuldigung bot er mir einen kostenlosen Ölwechsel an. Nach weiterem Palaver meinerseits ließ er sich zusätzlich zu einem Reifenwechsel breitschlagen, jedoch nur nach Terminabsprache.  Ölwechsel ja, Reifenwechsel auch, aber kein Markenwechsel, nein, das sei unmöglich.

Ich habe die Angebote des sauberen Herrn Tankwart unter Vorbehalt angenommen und fahre weiter einen BMW. Vorläufig. Immerhin handelt es sich hier ja wohl um einen klaren Fall von Verbrauchertäuschung. Dass mir zudem für alle Zeiten die Freude am Waschen gründlich versaut wurde, steht auf einem anderen Blatt.

Autor: Holger Schaeben, Ghostwriter, Journalist, Schreibkraft