Ein Ghostwriter arbeitet latent

Das Adjektiv latent wird selten benutzt und wenn, dann bildungssprachlich. Bildungssprachlich ist übrigens ein Adjektiv, das…

…noch seltener angewendet wird als latent. Ich vermute, wer bildungssprachlich spricht oder schreibt, will seine Bildung raushängen lassen, seine besondere Herkunft, seinen sozialen Stand. Er will sich vom Pöbel abgrenzen oder sich bei gewissen, vermeintlich gebildeteren Kreisen einschleimen. Und zwar ganz unverblümt. Unverblümt ist übrigens das Gegenteil von latent. Und das Gegenteil von latent ist manifest. Klar: Wörter machen Leute. Aber lassen wir das.

Wie komme ich drauf? Also. Auf einer Ghostwriter-Website las ich: „Grundsätzlich arbeitet ein Ghostwriter latent.“
Das heißt, er arbeitet nicht sichtbar. Ich war schwer beeindruckt. Nicht sichtbar zwar, aber latent. Was latent ja auch bedeutet. Also nicht sichtbar. Oder nicht offenkundig.

Ein schönes Synonym für latent ist nebenbei bemerkt auch schlummernd. Das gefällt mir nebenbei bemerkt am besten: Der schlummernde Ghostwriter. Unbemerkt könnte man übrigens auch noch sagen. Aber unbemerkt von wem? Vom Auftraggeber? Das wäre schlecht. Zumindest der Auftraggeber sollte erkennen, was sein Ghostwriter so macht. Finden Sie nicht?

Stellen Sie sich mal vor, Sie suchen einen Ghostwriter, finden einen, obwohl der ja grundsätzlich latent arbeitet, also nicht sichtbar ist. Sie wecken ihn vorsichtig auf, nicht erschrecken, weil er ja schlummert. Sie flüstern ihm ins Ohr: Suche Ghostwriter zum individuellen verfassen einer Vorlage einer Hausarbeit. Später dann noch zur Erstellung einer Seminararbeit, Diplomarbeit, Magisterarbeit, Bachelorthesis, Masterthesis, Dissertation, Doktorarbeit und Habilitationsschrift. Noch später dann zur Anfertigung einer Vorlage zur Anfertigen eines wissenschaftlichen Fachartikels, eines wissenschaftlichen Gutachtens, eines Fachbuches und eines wissenschaftlich fundierten Sachbuches.

Wenn der Schläfer dann aufwacht und JA sagt, MACH´ ICH, EHRENSACHE, dann wissen Sie, dass Sie einen Volltreffer gelandet haben. Denn Sie haben einen Ghostwriter gesucht und einen akademischen Ghostwriter gefunden. So nennt man alle Ghostwriter, die wissenschaftliche Textvorlagen schaffen, die gewisse Auftraggeber dann als ihr geistiges Eigentum deklarieren, um sich mit einem nicht von ihnen selbst verfassten Werk in ihrer akademischen Disziplin zu positionieren. Das sind dann diejenigen, die Wörter von Leuten machen lassen, um sich mit fremden Worten zu schmücken. Das, würde ich sagen, kann man als latent kriminell bezeichnen. Zumindest ist es latent unmoralisch.

Autor: Holger Schaeben – Journalist, Ghostwriter für nicht-akademische Texte; einfach: Schreibkraft