NSU: Anonym dank Akronym?

Drei Buchstaben sind ein Name. Sie sind uns ein Begriff. Ob Autokonzern, Staat, Partei, Bank, Fluggesellschaft, TV-Sender, Geheimdienst, Energiekonzern, Internet u.s.w. Wir verstehen die Initialen, kennen die Bedeutung der Marken und Institutionen. Wir haben gelernt, dass BMW die Abkürzung für Bayerische Motorenwerke ist und BRD für Bundesrepublik Deutschland steht; SPD, CDU, FDP – auch keine Frage, was sich…

…dahinter verbirgt. Ebenso, was EZB meint; die Europäische Zentralbank ist täglich mehrmals in den Medien. Und WWW, als World Wilde Web bekannt, ist uns in Fleisch und Blut übergegangen. (Sorry, muss eben noch schnell eine SMS schreiben, dann schreibe ich hier sofort weiter.)

Also: Begriffe bestehend aus drei Buchstaben sind Teil unseres Wortschatzes bzw. sind bereits eine Epidemie, die sich in unserem Wortschatz immer breiter macht etc. Die Fantastischen Vier haben vor Jahren sogar mal einen Song zum Thema geschrieben: MfG – Mit freundlichen Grüßen. Darin wurde der inflationäre Einsatz von Wortabkürzungen besungen. Ein Song, der (fast) nur aus Abkürzungen bestand. Sehr interessant. Sehr amüsant.

Eigentlich dienen Abkürzung ja nicht der Unterhaltung (solange mit Unterhaltung Entertainment gemeint ist), sondern der Vereinfachung, der Beschleunigung, der Effizienz, der Prägnanz. Manchmal auch der Kaschierung. Manchmal auch der Verharmlosung. Ungewollt oder gewollt. So etwas erleben wir gerade: NSU.

NSU stand einmal für ein Motorenwerk. NSU war das Kurzwort für den Stadtnamen Neckarsulm, die Stadt Firmensitz von NSU. NSU baute fast alles, was Räder hatte: Autos, Motorräder, Fahrräder und Motorroller. Manche erinnern sich vielleicht noch an den NSU TT der in Rennversion bis Mitte der 1970er über den Nürburgring jagte oder an den legendären NSU RO 80, der mit revolutionärem Wankelmotor ausgestattet, bis 1977 seiner Zeit voraus war.

Die Marke NSU gibt es nicht mehr. Die junge Generation wird sie nicht mehr kennen. Ein Zwanzig- oder Dreißigjähriger verbindet NSU nur mit den Berichten seines Vaters oder eher seines Großvaters, der ihm vielleicht einmal eine seiner netten Kaffee-und-Kuchen-Geschichten auftischte und aus seinem Leben als Zweiradfahrer erzählte: Er mit der NSU Konsul und der Oma hintendrauf das erste Mal auf dem Weg nach Italien. Ach, war das schön.

Und nun das. NSU. Der rechtsextremistische Terrorismus hat einen Namen. Seit einem Jahr wird von der NSU gesprochen. NSU, NSU, NSU. Was mich stört, ist nicht die Möglichkeit einer Verwechslung der NSU aus Sachsen-Anhalt mit der, die oder den NSU aus Neckarsulm. Da muss man schon sehr blöd sein. Was ich fatal finde, ist dass man den brauen Terror nicht beim Namen nennt: Nationalsozialistischer Untergrund. Merken Sie den Unterschied zwischen NSU (mal schnell dahergesagt, dahergemeldet, dahergeschrieben) und Nationalsozialistischer Untergrund? Die Abkürzung hat keinen Bedeutungsinhalt, klingt harmlos, unbedenklich, ungefährlich (im schlimmsten Fall lenkt sie in die verkehrte Richtung – geradewegs nach Neckarsulm). Ausgesprochen wie ausgeschrieben klingt die Sache jedoch extrem bedrohlich: nationalsozialistisch und Untergrund – hier werden brutale Erinnerungen wach, Gefühle geweckt, schreckliche Bilder hervorgerufen. Man sollte den Zeitungslesern und den Nachrichtenkonsumenten vor den Bildschirmen und am Radio das zumuten. Weil es das Böse beim Namen nennt statt es zu verbergen: Nationalsozialistischer Untergrund. Wer die Bedrohung jedoch in drei Buchstaben verpackt, anonymisiert die menschenverachtenden Machenschaften, die dahinterstecken. Bewusst oder unbewusst.